Neujahrsvarieté im Capitol

Anmut, Magie und viel Humor

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Thomas Seitel lässt mit seiner eleganten und kraftvollen Darbietung an den Strapaten vor allem die Herzen der Zuschauerinnen im Capitol höher schlagen.

Offenbach - Hell’s Angels? Viel zu langweilig. Dann lieber zaubern. So lautet zumindest Bert Rex’ Erklärung, wie er zu seiner Kunst gekommen ist. Von Veronika Schade 

In Frack, Fliege und Kummerbund steht der kleine, dürre Mann mit hoher Stirn und Hornbrille auf der Bühne, im Gepäck simple Zauberrequisiten wie Karten, Tücher und Seile. Kein David Copperfield: „Ich gehe ja auch nicht durch die Chinesische Maier, sondern den Offenbacher Vorhang“, sagt er. Dass er dies tut, ist für das Publikum des Neujahrsvarietés ein wahrer Glücksfall.

Moderator Bert Rex nimmt die Zauberkunst gehörig aufs Korn – und ist dabei selbst ihr meisterlicher Vertreter.

Der Moderator des Abends findet mit seiner selbstironischen und augenzwinkernd unvollkommenen Art sofort den Draht zu den Zuschauern, die er ständig mit einbezieht. Gewollt tapsig scheitert er an scheinbar simpelsten Zaubertricks, nimmt der Ost-Berliner die Welt der Magie und großer Illusionen gehörig aufs Korn. Als sich die Ersten fragen, ob er überhaupt einen Trick ohne faulen Zauber hinbekommt, beweist er seine wahre Kunst. Zuschauerin Eleonore, die er auf die Bühne holt, steht die Verblüffung ins Gesicht geschrieben, als aus ihrer geschlossenen Hand immer wieder neue Schaumstoff-Bälle auftauchen.

Zum dritten Mal hat das städtische Kulturbüro zum Neujahrsvarieté ins Capitol geladen, versprach nach den Erfahrungen der ersten beiden Male an einigen Stellschrauben zu drehen. Die Zahl der Plätze wurde aus Sichtgründen leicht reduziert, die sieben Künstler beziehungsweise Ensembles sorgfältig ausgewählt. Alles richtig gemacht: Die 650 Karten sind innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Das Publikum wird nicht enttäuscht. Der Abend bietet eine Mischung moderner und klassischer Varieté-Kunst mit Darbietungen zum Staunen und Träumen. Moderator Bert Rex gelingt dabei stets der ideale Übergang und mit ihm die Erkenntnis, dass Humor der größte aller Zauber ist.

Doch auch am Anblick schöner, durchtrainierter Körper erfreuen sich die Zuschauer. Etwa beim Duo Leya aus der Ukraine. Die Absolventinnen der berühmten Zirkusschule von Kiew zeigen die Kunst der Kontorsion. Die Bewegungen und Verbiegungen der Schlangenfrauen sind von höchster Anmut, verursachen aber auch den ein oder anderen sorgenvollen Gedanken: Das muss doch weh tun... Viel Applaus ist ihr Lohn, vor allem von den Männern im Publikum. Die Damen kommen dafür gleich zweimal auf ihre Kosten. Luftakrobat Thomas Seitel hängt sich – mit definiertem, nacktem Oberkörper – an zwei Bänder, sogenannte Strapaten. Elegant und athletisch sind seine Bewegungen, die höchste Kraft erfordern. Die Muskelspannung reicht bis zum großen Zeh.

Die Schlangenfrauen vom Duo Leya aus der Ukraine beeindrucken mit ihrer Biegsamkeit.

Auf Sexappeal mit einer gehörigen Portion Coolness setzt Robert Choinka. Verschmitzt, verschwitzt und verschmutzt zeigt er schwerelose Balance auf einem Reifenstapel – ein Schluck aus der Motorölflasche inklusive. Zum Träumen statt Schmachten laden die Darbietungen von Paul Klain ein: ob mit der Glaskugel oder mit Ringen, die sich gleichzeitig mit und gegen den Uhrzeigersinn drehen und damit effektvolle Bilder erzeugen. Technik und Magie verschwimmen. Varieté aus dessen Glanzzeit, den 1920er-Jahren, lässt der Gentlemanjongleur Jeton aufleben. Stilecht mit Smoking, Hut und Gehstock zeigt er feinste Jonglage und begeistert mit seinen Balancekünsten. Eine Zigarre im Mund, den Gehstock obendrauf, den Hut noch darüber – kein Problem. Typisch für seine Kunstform, zu deren letzten Vertretern er gehört, ist das Einbeziehen von Alltagsgegenständen. So katapultiert er Unterteller, Tassen und zuletzt noch Löffel und ein Stück Würfelzücker von der Fußspitze auf den Kopf.

„Glitzersterne“ funkeln im Bürgerhaus Dietzenbach

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Eine Choreographie aus Standard- und Lateintänzen führen Sebastian und Kristina aus Ungarn auf. Der Clou: Sie wechselt ihr Kleid zu jedem Tanz innerhalb nur eines Wimpernschlags. Vom Abendkleid zum knappen Body und zurück – „Aaahs“ und „Ooohs“ aus dem Publikum sind ihr dafür gewiss. Von den bestens aufgelegten Zuschauern zeigt sich Moderator Bert Rex gerührt: „Ich muss ehrlich sagen, das ist der schönste Abend, den Sie jemals erleben durften.“

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