Akrobatik, Zauberei und Jonglage

Neujahrsvarieté im Capitol Offenbach

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Andrea Engler lässt mit außergewöhnlicher Körperbeherrschung Hula-Hoop-Reifen um Hüften, Arme und Hals kreisen.

Offenbach - Wer Varieté hört, der denkt an Johnny Klinkes „Tigerpalast“, dessen Programme legendär sind und der in Sachen Akrobatik neue Maßstäbe gesetzt hat. Von Maren Cornils

Doch auf die andere Mainseite zu pilgern, um die dortige Revue zu bewundern, war gar nicht nötig, schließlich lud das Capitol mit seinem „Neujahrsvarieté“ ebenfalls dazu ein, sich ins Reich von Zauberei, Akrobatik und Jonglage entführen zu lassen.

Der Beginn freilich ist etwas ernüchternd: Im Bestreben, authentische Varietéatmosphäre zu kreieren, bieten fünf Blechbläser der Philharmonie Frankfurt Big-Band-Musik aus den 20er bis 40er Jahren zum Besten, einen Tick zu lang vielleicht, denn der Saal wartet ungeduldig auf den ersten Künstler. Zeit für Conferencier Charlie Martin, sich seinem Publikum vorzustellen und selbiges mit ein paar Tricks aus der Zauberkiste aufzuwärmen. Das immerhin erweist sich als Herkulesaufgabe, denn die Zuschauer reagieren eher verhalten, und so übt Martin unverdrossen das Applaudieren, bevor er zum ersten Act des Abends, dem ukrainischen Frauen-Trio „TO-RI-ME“, überleitet.

Neujahrsvarieté im Capitol

Akrobatik, Zauberei und Jonglage lockten zum „Neujahrsvarieté“ im Capitol. Einige verblüffende Darbietungen versetzten das Publikum in Begeisterung – doch insgesamt wurde es nicht so richtig warm.

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In diffusem Halbdunkel formiert sich das gelenkige Trio zu immer neuen, gewagten Formationen, lässt eine Pyramide aus grazilen Frauenkörpern wachsen oder erweckt ein spinnenartiges Wesen zum Leben. Erstaunlich, wie viel schmale Schultern tragen können! Was in den vorderen Rängen und auf der Galerie mit begeistertem Applaus quittiert wird, sorgt in der Loge und auf den hinteren Plätzen für Frust: Da der Großteil der Akrobatik am Boden stattfindet, kann das Publikum hier so gut wie nichts sehen – es sei denn, es stellt sich auf, was nur bedingt möglich ist.

Schlechte Sichtverhältnisse

Conferencier Charlie Martin holt eine Zuschauerin auf die Bühne.

Schlechte Sichtverhältnisse beeinträchtigen unglücklicherweise auch einen Teil der anderen Nummern. Ein Jongleur lässt in völligem Dunkel Leuchtbälle und -keulen rotieren, bei Andrea Engler kreisen diverse Hula-Hoop-Reifen um Hüften, Arme und Hals, Florin und Cato dagegen präsentieren „Kunst auf acht Beinen“ und beweisen im Verlauf ihrer Tierrevue, dass Hunde die besseren Rechner sind. Dass der knuddelige Vierbeiner mit dem dauerwedelnden Schwanz seinem Herrchen mitunter einen Strich durch die Rechnung macht und sich zwischendurch versehentlich in einen mageren Pinscher verwandelt, sorgt beim Publikum für Lacher, insgesamt aber zieht sich die Nummer etwas zu sehr in die Länge. Das gilt auch für den zweiten Auftritt der Blechbläser, die mit Evergreens wie „Puttin on the Ritz“ auch den zweiten Teil des Abends eröffnen und erst nach fünf Titeln an Charlie Martin übergeben.

Der tut sein Bestes, holt hier eine Zuschauerin aus Obertshausen auf die Bühne, versucht sich da an Kartenspielertricks und schafft es doch ebenso wenig wie Florin, den Saal so richtig in Stimmung zu bringen. Für Verblüffung sorgt indes Gina Althoff. In einer Antipoden-Jonglage lässt die grazile Nachkommin der legendären Zirkusfamilie zu fetzigen Latino-Rhythmen lässig und scheinbar völlig mühelos Bälle sowie eine ganze Tischplatte auf ihren Füßen Samba tanzen und erntet dafür tosenden Applaus. Ein bunter und abwechslungsreicher Abend, der, obwohl er dramaturgisch einige Längen aufweist, zum Staunen und Träumen einlädt.

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