Nicht allein die Randzeiten sind ausgereizt

Offenbach ‐ Dass es unter Tagesmüttern in Offenbach als nicht ungefährlich gilt, Probleme in der städtischen Betreuungslandschaft beim Namen zu nennen, belegt der Name unter einem Brief, der die Probleme beklagt: Er fehlt. Von Barbara Hoven

Der Brief ist eine Reaktion auf Berichte unserer Zeitung über die Bemühungen der Stadt, die Betreuung der Kleinsten durch die Ausbildung weiterer Tagesmütter zu sichern. Die Schreiberin fragt sich, „was die Stadt mit so vielen Tagesmüttern will. Im Moment sind wir circa 90. Und diese bekommen ihre Betreuungsplätze überhaupt nicht voll besetzt.“ Stimmt. Oder nicht. Je nach Perspektive. Folgt man der Argumentation von Hermann Dorenburg, dem Chef des Eigenbetriebs Kindertagesstätten Offenbach (EKO), sind die Kapazitäten der Tagesmütter in den sogenannten Randzeiten nicht nur gut besetzt, sondern ausgereizt. Randzeiten sind die frühen Morgen- und die Abendstunden, also die Tagesphasen, in denen es für berufstätige Eltern keine reguläre Betreuungs-Alternative zu einer Tagesmutter gibt.

In den eigentlichen Tagstunden hingegen dreht sich das Bild. Angebotsflut trifft auf Nachfrageflaute. Folge: „Wenn ich beim Jugendamt anrufe, weil ich gern mehr Kinder betreuen würde, höre ich immer wieder klipp und klar, dass für meine Betreuungszeiten von 8 bis 16 Uhr nur schwer oder gar keine zu kriegen sind“, berichtet eine Tagesmutter. Ihrer Meinung nach liegt das auch an der in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegenen Zahl von Krabbelstuben: „Die machen uns kaputt.“ Aber auch unter den Tagesmüttern werde der Konkurrenzkampf immer größer, die Situation „immer verrückter“.

„Sobald ich eine berufliche Alternative finde, bin ich weg“

Nach Dorenburgs Unterlagen gibt es momentan 87 Tagesmütter mit 322 Plätzen. Davon sind 306 belegt. Dass dazu die 69 „von Pflegestellen als frei gemeldeten Plätze“ nicht passen wollen, sei so zu erklären, dass der Gesetzgeber das sogenannte Platzsharing erlaubt. Bedeutet: Bis zu zehn verschiedene Kinder pro Woche dürfen sich einen Platz teilen, solange sie nicht zeitgleich bei der Tagesmutter sind.

Das mache amtlich exakte Aussagen zur Auslastung der Pflegestellen schwer, meint Dorenburg. Und daraus ergebe sich, dass mit hoher Auslastung ihrer Dienste vor allem solche Tagesmütter rechnen dürfen, die große „Flexibilität hinsichtlich der angebotenen Betreuungszeiten“ an den Tag legen. Und da idealerweise, das folgt aus dem Abgleich der EKO-Sicht mit den Tagesmütter-Erfahrungen, an den besonders frühen oder den besonders späten Tag.

Das können und wollen bei weitem nicht alle Tagesmütter leisten. Die Stadt braucht folglich mehr von ihnen, um in der Praxis den Bedarf zu jeder Tageszeit bedienen zu können. Und muss, wenn man der Logik die Ehre gibt, immer wieder neue ausbilden, weil andere aus enttäuschter Erwartung an Verdienstmöglichkeiten abspringen. „Sobald ich eine berufliche Alternative finde, bin ich weg“ und ähnliche Sätze fielen auf Anfrage bei einigen Tagesmüttern.

Abrücken vom System ist für die Stadt keine Option

Zumal die Entlohnung ohnehin nicht königlich ist. Bis Ende Februar gab es 2,65 Euro pro Kind und Stunde. Zum 1. März erhöhte die Stadt nach langem Gerangel auf den Stundensatz, der andernorts im Kreis schon länger gilt: 3 Euro. Aber auch die nur brutto, weil Tagesmütter ihr Entgelt vom Jugendamt seit vergangenem Jahr versteuern müssen. Minus Krankenversicherung, minus Rentenversicherung, minus Essen, minus Spielzeug. Also fragt sich mehr als eine Betreuerin weiterhin, ob sie sich diesen Job überhaupt noch leisten kann.

Das ist auch nicht städtische Priorität. EKO-Chef Dorenburg verweist nicht nur darauf, dass „die genannte Auslastung zeigt, dass Nachfrage besteht“ und diese „stetig steige“, weshalb der Eigenbetrieb „die reklamierten Auslastungssorgen von Tagespflegestellen nicht teilt“. Er verweist zudem auf das Gebot, als „öffentlicher Träger der Jugendhilfe in erster Linie die Bereitstellung von Betreuungsplätzen, insbesondere zeitflexiblen im Sinne der Arbeitsmarktanforderungen, die an Eltern gestellt werden“, im Auge zu behalten. Die Auslastung der Tagesmütter könne da „nicht das zentrale Kriterium der Ausbauplanung auf der Angebotsseite des Betreuungs- und Bildungssystems“ sein.

Abrücken vom System ist für die Stadt auch aus einem anderen Grund keine Option: Es ist nicht erlaubt. Der Gesetzgeber hat die Kommunen verpflichtet, allen unter Dreijährigen ab 2013 einen Betreuungsplatz anzubieten. Tatsächliche Nachfrage erwartet die Stadt von „mindestens 35 Prozent der Population.“ Fürs kinderreiche Offenbach bedeutet das 1280 Plätze, von denen jeder dritte in der Tagespflege zur Verfügung stehen soll. Fehlen also noch 112 Plätze.

Rubriklistenbild: © dpa

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