Nicht nur den Ruf aufpoliert

+
Von „Lohwald senkrecht“ zum „Wohnpark Rosenhöhe“.

Offenbach - Die Neusalzer rauf, vorbei an Einfamilienhäusern, der Kita, und den Schrebergärten Richtung Rosenhöhe. Da steht sie: Die Nummer 77, die mit 313 Wohnungen und fast 700 Bewohnern größte Wohnimmobilie Offenbachs. Von Matthias Dahmer

Ein in Beton gegossenes Mahnmal längst überholter 70er-Jahre-Architektur, das – so wie es aussieht – seine schlimmste Zeit hinter sich hat. „Wohnpark Rosenhöhe“ heißt seit kurzem, was Funk und Fernsehen einst als einen der größten sozialen Brennpunkte der Region darstellten, was Offenbacher in Anlehnung ans gleichnamige damalige Problemviertel als „Lohwald senkrecht“ diffamierten.

Der erste Eindruck an diesem sonnigen Novembermorgen: rote Balkone bis zum Himmel, nicht selten mit Satellitenschüsseln garniert. Ein kleiner Einkaufsladen, in dem man alkoholische Getränke vergeblich sucht, der Vorplatz, die Eingänge unerwartet sauber. Eine kleine Deutschland-Flagge steckt oben am Halteverbotsschild, zwei riesengroße zieren einen Balkon in einer der unteren Etagen.

Nicht besetzte Pförtnerloge

Vorbei an der zu dieser Zeit nicht besetzten Pförtnerloge und einer Wand aus intakten Klingelschildern. Die Namen darauf ein Streifzug durch so gut wie alle Nationalitäten. „Die Aussicht von oben ist das Beste, einfach fantastisch“, sagt der Mieter, der die Code-Karte an das Lesegerät hält und auf die Aufzüge deutet. Der linke geht nur bis zum neunten Stock, der mittlere nach ganz oben, im rechten kann man nur ab dem zehnten aussteigen. Durch diese Steuerung sollen Wartezeiten vermieden werden.

Der Bewohner hat nicht zu viel versprochen. Ganz oben, im 21. Stockwerk, kann der Besucher den Blick schweifen lassen. Über die Rosenhöhe hinweg bis weit hinter die Skyline Frankfurts auf die im Dunst liegenden Taunus-Höhen. „Nachts sind locker die Lichter des Flughafens zu sehen“, erzählt der freundliche Haus-Führer. Mehr als den einmaligen Ausblick und den kahlen Vorraum an den Aufzügen kann er im 21. Stock nicht bieten. Wie bei allen anderen Mietern und Eigentümern auch passen seine Schlüssel – außer für seine Wohnung – nur noch für die Tür in der nochmal extra abgeschlossenen Etage, in der er wohnt.

„Haus massiv sicherheitstechnisch aufgerüstet“

„Wir haben das Haus damals massiv sicherheitstechnisch aufgerüstet“, berichtet Winfried Männche, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Baugesellschaft Offenbach (GBO). Damals, das war Mitte der 80er-Jahre: Die Neusalzer 77, als Seniorenresidenz geplant, hatte nach der Pleite des Bauherrn gerade zehn Jahre Leerstand hinter sich, als ein nachfolgender Offenbacher Investor insgesamt 400 Eigentumswohnungen aus der Immobilie und dem benachbarten kleineren Wohnblock machte und fast alle im Wege eines später grandios gescheiterten Bauherrnmodells vorwiegend im Münchner Raum verkaufen konnte. „Zu Münchner Preisen“, sagt GBO-Chef Männche.

Ein gewerblicher Zwischenmieter nahm in einem nächsten Schritt die gekauften Wohnungen unter seine Fittiche und vermietete sie innerhalb von zwei Monaten. „Man kann sich vorstellen, welche Mieter in so einer kurzen Zeit gefunden werden konnten“, beschreibt Männche den Umstand, dass sich dort Konfliktpotenzial ballte und der Ruf des Hauses so schnell nach unten rauschte wie die in ihm eingebauten Aufzüge .

GBO stieg auf Druck des Landes Hessen ein

Die GBO stieg auf Druck des Landes Hessen ein, nachdem der Offenbacher Investor 99 öffentlich geförderte Wohnungen nicht mehr halten konnte. Bedingung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft: Sie kriegt die Mehrheit in der Eigentümergemeinschaft, um die Geschicke des riesigen Hauses lenken zu können. So kam es, dass die GBO im Jahre 1987 insgesamt 156 Wohnungen in der Neusalzer 77 erwarb. „Innerhalb von sechs Monaten hatten wir Ruhe hergestellt“, so Männche.

Seit dieser Zeit kauft die GBO, die die Immobilie auch verwaltet, wann immer möglich weitere Wohnungen auf, „bevor es jemand Schräges tut“, sagt Männche. Mehr als 20 Jahre und zahlreiche Zwangsversteigerungen später gehören heute 199 Wohnungen der GBO, sie ist damit größter Eigentümer in Offenbachs größter Eigentümergemeinschaft. Männches erklärtes Ziel: alle Wohnungen in GBO-Eigentum zu haben.

Vorzüge des „Wohnparks Rosenhöhe“

Zur Attraktivitätssteigerung der Immobilie beitragen soll ein Hochglanz-Prospekt der GBO, welches die Vorzüge des „Wohnparks Rosenhöhe“ preist: Beste Lage am Waldrand, unverbaute Aussicht auf Frankfurt, Hausmeisterservice und Notdienst, eine von der Stadt unterstütze Kinderbetreuung. Dass die Broschüre etwa den Lärm der Flugzeuge verschweigt, deren Einflugschneise direkt über dem Haus liegt und Mieter wissen sollten, dass sie ihre Fahrräder besonders gut sichern müssen, ist mit Blick auf das, was die GBO in der Neusalzer 77 schon erreicht hat, eine wohl lässliche Sünde. Nicht zuletzt deshalb, weil das Probleme sind, die es fast überall in Offenbach gibt. Wen ein Hochhaus nicht schreckt, der findet dort Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen zwischen 33 und 73 Quadratmetern und Mietpreisen zwischen 163 und 361 Euro kalt.

Winfried Männche ist ohnehin der Ansicht, dass vor allem jene Vorbehalte gegen die Immobilie haben, die ihre Vergangenheit kennen. Für auswärtige Zugezogene sei es einfach nur ein Hochhaus. Außerdem: „Dort, wo Satellitenschüsseln an den Balkonen angebracht sind, handelt es sich nicht um unsere Wohnungen. Wir bieten Kabelempfang “, stellt der Geschäftsführer klar.

Kommentare