Nicht nur ein Badeparadies

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Luftaufnahme des Rumpenheimer Mainbogens mit seinen Weihern.

Bürgel/Rumpenheim - Wo sich heute Höckerschwan Olli und Nutria Lukas den Schultheisweiher mit Spaziergängern, Anglern und Badegästen harmonisch teilen, war vor Jahrzehnten nicht mehr als Kies, Schutt und Abfall. Von Fabian El Cheikh

Seit nunmehr 30 Jahren besteht jedoch das Naturschutzgebiet „Rumpenheimer und Bürgeler Kiesgruben“ – worauf Offenbacher aus beiden Stadtteilen stolz sein dürfen.

Zu Recht, findet auch Regierungspräsident Johannes Baron, der als prominentester Gast den Feiern zum 30-Jährigen am Weiher beiwohnte. Er dankte Offenbachs Umweltdezernenten Peter Schneider, den Stadtverordneten und allen Mitarbeitern der zuständigen Behörden und Naturschutzverbänden für ihr Engagement, am Weiher zu vereinen, was oft genug unüberbrückbar scheint: Naturschutz und Naherholung. In den Kiesgruben, die vor fünf Jahren in das EU-Schutzgebietsnetz Natura 2000 aufgenommen wurden, zeige sich, „dass Naturschutz und Ballungsraum kein Widerspruch sind“.

Die Herausforderung und eine der wichtigsten Aufgaben auch weiterhin sei vielmehr, beides gemeinsam zu erhalten. Baron erinnerte daran, dass das Konzept für dieses Gebiet vor 30 Jahren erstmals in Hessen Naherholung mit Badenutzung, Angeln und Modellbootssport sowie Naturschutz vorsah. Damals auf Grundlage von Plänen des Landschaftsplanungsbüros Götte, Obst & Partner. „Seither hat die Natur inmitten des Mainbogens ein Kiesabbaugebiet zurückerobert.“

Einen Großteil der äußerst lebhaften Entwicklung rund um den bis 1970 aus Grundwasser neu entstandenen Weiher hat Karl-Heinz Halle miterlebt. Der Vorsitzende des Naturschutzbeirats berichtet davon, wie der 1929 begonnene Kiesabbau durch die Firma Schultheis eingestellt werden musste, als man bei Bohrungen auf eine acht Meter dicke Lehmschicht stieß. Damit war der Weg frei für nicht-wirtschaftliche Nutzungen. So begannen Freizeitangler den Schultheis bald für ihre Zwecke zu entdecken. Halle, selbst Angler, betont: „Der Weiher gilt als Paradies für die Fischwaid.“

In einer Vereinbarung zwischen dem Ehepaar Schultheis und dem ASV Neptun sei dem Verein 1969 das Fischereirecht über vier Fünftel des Sees übertragen worden. „Ein Fünftel befand sich noch im Besitz der Fechenheimer Firma Cassella und wurde schon vorher vom ASV Offenbach und dem ASV Fechenheim befischt“, erzählt Halle.

1970 vereinbarten die drei Vereine, den See gemeinsam zu nutzen. Doch die Harmonie hielt nicht lange. Zwei Jahre später kündigte die Familie Schultheis als Besitzer der Kiesgrube die Vereinbarung kurzfristig. „Grund dafür war der anhaltende Widerstand der Vereine gegen die Auffüllung der Kiesgrube mit Müll, Geröll und Schutt.“ Halle selbst verfügt über alte Fotos der Grube, in die die Offenbacher defekte Kühlschränke, Fernseher und anderen Schrott abluden – bis 1973 die Offenbacher Stadtverordnetenversammlung einen Bebauungsplan Mainbogen beschloss, der die Mülleinlagerung verbot und die Einrichtung eines Naherholungsgebietes vorsah.

1975 ging der Weiher ins Eigentum der Stadt über. Viele erhoben daraufhin Anspruch auf Nutzung des Sees. „Es gab Ärger mit anderen Nutzern wie Surfern, Schiffsmodellbauern und Tauchern und gebadet wurde natürlich auch“, so die Angler-Perspektive. Auch Vogelschützer meldeten sich zu Wort, die ein Reservat für überwinternde Vögel schaffen wollten.

Es muss letztlich als glückliche Fügung bezeichnet werden, dass sich der See als groß genug erwies, um ein Nebeneinander von Anglern und Vogelschützern zu ermöglichen. So verpachtete die Stadt das Gewässer zum Angeln an die Vereinigung Offenbacher Angelsportvereine – mit der Vorgabe, dass diese den hinteren, inzwischen als Vogelschutzgebiet ausgewiesenen und zum Baden gesperrten Teil schonten. 1979 bekam die städtische Fischerei-Erlaubnis auch den Segen des Regierungspräsidenten.

Die Verordnung für das gesamte Areal als Naturschutzgebiet wurde 1983 nach Veröffentlichung im Hessischen Staatsanzeiger rechtskräftig. Danach durfte nur noch geangelt und gebadet werden. Letzteres jedoch musste in der Vergangenheit aufgrund des Nährstoffreichtums und des dadurch bedingten Auftretens von Blaualgen im Wasser immer wieder unterbunden werden. Um die durch Fische und Vogelkot beeinträchtigte Wasserqualität für die badende Bevölkerung zu verbessern, erfolgten Eingriffe in den Fischbestand. Halle bedauert, dass viele Laichbrassen abgefischt wurden, die für die Angler große Bedeutung hatten. Auch Schleien und Barsche wurden gefangen, ebenso jene Graskarpfen, die zur Bekämpfung der Wasserpflanzen eingesetzt worden waren, sowie „eine große Anzahl“ von Spiegelkarpfen, Schuppenkarpfen und Welsen.

„Ein Ziel der Seesanierung war es, ein Hecht-Schleien-Gewässer herzustellen“, berichtet der Sanierungsleiter Helmut Teichman-Kucharskis. „Doch in erster Linie ist das Areal ein Vogelschutzgebiet.“ Immerhin ist der Schultheis Anlaufstation für viele Zugvögel, für Pirol, Graureiher, Kormoran und viele andere, sogar den seltenen Eisvogel. Mehr als 150 Vogelarten wurden im Gebiet bereits gesichtet.

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