Sie hat nicht nur einen Schatz

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Anjali Pujari mit einem hebräischen Druck aus dem Jahr 1808, 1. Band des Pentateuch - mit einem Kommentar des jüdischen Gelehrten Rasch. Das Buch wurde in Offenbach bei den jüdischen Buchdruckern Zwi Hirsch Spitz und seinem Sohn Abraham Spitz gedruckt.

Offenbach - Die Datenflut steigt und mit ihr die Bedeutung der Arbeit von Archivaren. Die Zukunft des Bibliothekwesens liegt zwar in der „digitalen Bibliothek“. Aber es gibt sie ja noch, auch in Offenbach, die Regalreihen voller jahrhundertealter Bücher.

Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei der Offenbacher Stadtarchivarin Anjali Pujari nach:

Was ist für Sie der größte Schatz in ihrem Archiv?

Für mich gibt es gar nicht den „einen“ Schatz im Archiv. Für mich hat jedes Stück seinen eigenen Reiz. Bei alten Fotos finde ich es beispielsweise interessant zu vergleichen, wie ein bestimmter Ort in Offenbach früher aussah bzw. heute aussieht. Unsere Stadtpläne mag ich gerne, weil man daran sehr schön erkennen kann, wie sich Offenbach langsam ausgedehnt hat und wo neu gebaut wurde. Bei alten Notenheften sieht man oft noch den Abdruck der Kupferplatten im Papier und kann den Rand noch mit den Fingern erspüren, wenn man über das Papier fährt. Man hat dort also noch Spuren des Herstellungsvorganges - heute ist das Papier bei Heften und Büchern ja ganz glatt. Sehr schön finde ich unsere Sammlung hebräischer Drucke aus dem 18. Und 19. Jahrhundert. Die hebräischen Buchstaben der alten Drucke finde ich optisch sehr reizvoll. Außerdem legen sie Zeugnis davon ab, dass die Offenbacher Stadtgeschichte auch immer ein Stück jüdische Geschichte war und ist.

Sehen Sie sich in erster Linie als Kulturgutschützerin?

Ich sehe mich auch als Kulturgutschützerin, das ist neben dem Verzeichnen und Ordnen eine der Kernaufgaben eines Archivs. Durch eine gute Verpackung, also säurefreie Mappen und Kartons, und durch eine behutsame Benutzung - z. B. Tragen von Baumwollhandschuhen - versuchen wir, unsere Archivalien vor Beschädigung zu schützen. In der Regel sind unsere Unterlagen auch vor direktem Lichteinfall geschützt, die Magazine sind abgedunkelt. Denn Tageslicht zerstört langfristig das Papier. Die Zeitungen - Offenbach-Post, Offenbacher Nachrichten, Offenbacher Zeitung - lassen wir fortlaufend auf Mikrofilm sichern, um die empfindlichen Originale zu schützen. Natürlich gibt es Archivalien, die ich in einem schlechten Zustand vorfinde. Deshalb lassen wir, wenn das Geld vorhanden ist, die wichtigsten und wertvollsten Archivalien von einer Restauratorin instand setzen.

Was ist für Sie in Zukunft der wichtigste Ansatzpunkt, um in Offenbach für die Bedeutung des Archivs im öffentlichen Bewusstsein stärker zu verankern?

Ich möchte weiterhin den Nutzern und Nutzerinnen des Archivs mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn es um stadtgeschichtliche Fragen geht. Eine immer größere Bedeutung gewinnt die Bereitstellung von Archivmaterial in digitaler Form. Wir sind, dank unserer IT-Abteilung, mit guten Scannern ausgestattet und können deshalb gescannte Archivalien unkompliziert in die ganze Welt verschicken. Ein weiterer Schwerpunkt ist für mich das Verzeichnen von Unterlagen in der Archivdatenbank Augias. Wir erfassen mittlerweile fast alles darin und haben einen viel differenzierteren Zugriff auf die Archivalien als mit der alten Kartei.

Noch eine Frage zu Ihrem Berufsbild: Im 19. Jahrhundert lagen die Berufsbilder des Historikers und des Archivars eng beieinander. Warum ist das heute nicht mehr so - bedauern Sie das?

Heute gibt es eine spezielle Ausbildung zum Archivar oder zur Archivarin, was ich sehr gut finde. Unter den Historikern sind wir ein eigener Berufsstand mit dieser Spezialausbildung. Das macht auch Sinn, da in einem Archiv heute neben historischem Grundwissen weitere Kenntnisse vonnöten sind, z. B. in Archivrecht, in Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte, in Aktenkunde, in Diplomatik, in Paläographie, in Heraldik, in lateinischer und französischer Sprache etc. Es gibt allerdings viele Archivare, die Historiker sind und die Spezialausbildung gemacht haben – wie das bei mir auch der Fall ist. Das ist für mich ein gutes Gefühl, da ich aus dem Vollen schöpfen kann.

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