Nicht nur eitel Sonnenschein

+
So sollte es mal künftig am Reichstag aussehen: In der abgespeckten Ausführung fällt der kleine Main-Steg weg.

Bürgel - Es ist oft zu beobachten: Erst wenn Baumaschinen dröhnen, registrieren Bürger, dass sich etwas ändert. Zuweilen mündet das in Empörung. So auch in Bürgel. Zu verhindern ist die Klimaroute am Main allerdings nicht mehr. Von Martin Kuhn

Der große Tag sollte eigentlich der 19.  August sein. An diesem Sonntag wollte die Stadt ihren Teil der Klimaroute am Main mehr oder weniger feierlich eröffnen. Allein: Vor den Offiziellen müssen zunächst die Arbeiter ran. In Bürgel, wo zwei von vier lokalen Klima-Stationen entstehen, bleibt das nicht unbemerkt. Architekt Gerhard Plath, der auch dem Denkmalschutzbeirat angehört, ist wenig erfreut, was er da am sogenannten Reichstag erblickt. Er schimpft: „Die Bürgeler wurden übergangen.“ Und der ausgewählte Ort berücksichtige nicht die lokale Geschichte.

Es ist ein ungewöhnliches Vorhaben, bei dem mit Frankfurt, Offenbach, Mühlheim und Kelsterbach gleich vier Städte im gemeinsamen Main-Boot sitzen; eingebunden ist das alles in ein EU-Projekt: „C-Change – Changing Climate, Changing Lives“. Kooperationspartner ist die lokale Hochschule für Gestaltung, die den Klimapfad zu einem zweisemestrigen Projekt machte. Nachdem die Entwürfe vorlagen, passierte das alles im vergangenen November das Stadtparlament. Genehmigte Kosten: 280. 000 Euro. Über diverse europäische und regionale Fördertöpfe fließen 134 .000 Euro nach Offenbach.

Bewertung wird nicht lange auf sich warten lassen

Während am Reichstag die Fundamente für einen Atmosphären-Steg entstehen, fertigen parallel Schlosser und Schreiner weitere Teile vor – etwa fürs „Vogelhotel“, das in Resten des Hochspannungsmastes auf dem WSV-Gelände erfolgt. Die Montage erfolgt demnach zügig. Die Bewertung dessen, was Radler und Spaziergänger dereinst erblicken, wird nicht lange auf sich warten lassen. Laut Sigrid Pietzsch, Referatskoordinatorin für Stadtgestaltung und Stadtgrün, wurde an den ursprünglichen Entwürfen jedoch der eine oder andere Abstrich vorgenommen: „Das ist Alltag für Planer.“ Heißt: Die Umsetzung scheitert am fehlenden Geld.

Katja Kirchhoff und Sophia Muckle geht es am Reichstag um die atmosphärischen Einträge in Flüsse. „Dieses Projekt transportiert Informationen in grafischer und textlicher Form“, sagen sie zum Projekt. In ihrer Beschreibung bemängeln die beiden eine „unstrukturierte, wenig einladende Rasenfläche“. Die angrenzende Asphaltwüste sei eher abweisend. Sie stelle zu viel Verkehrsfläche dar und habe nur wenig Aufenthaltsqualität. Kirchhoff und Muckle greifen auch eine städtebauliche Frage auf: Es geht um die Ausrichtung des Parks zum Fluss und um die Senkung der Geschwindigkeit der Radfahrer. Allein: Der ursprünglich geplante Steg in den Main entfällt, der den gerade am Wochenende stark frequentierten Radweg gequert hätte.

„Das ist eine Fehleinschätzung"

Das alles hält Gerhard Plath – an Ausgrabungen der minoischen Kultur beteiligt, als Spezialist für baukonstruktive Erkenntnisse geschätzt, für Unterschutzstellung des Maindamms kämpfend – für eher fragwürdig: „Da ist die Rede von einer Asphaltwüste. Das ist eine Fehleinschätzung, die von mangelnder Grundlagenermittlung zeugt.“ Diese Kaianlage diene der Schifffahrtsstraße Rhein-Main-Donau-Kanal als Notankerplatz bei Schleusenproblemen und der Frankfurter Weißen Flotte als Anlegestation. Es sei Aufweitung des Radweges am Main, die Radlern als willkommene Rastfläche diene. „Eine Unterbrechung mit Pflanzkübeln würde diese Funktionen nicht nur behindern, sondern verhindern.“

Bislang nur ein Modell: Ein gekappter Strommast wird zum Monument für den Vogelschutz.

Zudem bemängelt er, dass bislang nichts über die Geschichte des Standorts gesagt wurde. Plath schüttelt den Kopf und sagt: „Erst vor kurzem wurde das Fährmannhaus neben dem Deichdurchgang abgebrochen. Das war das letzte Zeugnis einer einstigen Bucht an dieser Stelle, die auch Pferdetränk’ genannt wurde.“ Zudem belege die alte Gewannbezeichnung „Die Bleiche“ die Nutzung als Wäsche-Bleichplatz.

„Verhohnepiepelung der Ortsgeschichte“

„Hier einfach Beton in den Boden zu gießen und einen Bohlenrost drüber zu legen, ist eine Verhohnepiepelung der Ortsgeschichte.“ Die weise einen römischen Anlegesteg in Höhe der Bildstockstraße aus. Plath: „Dort wäre ein besserer Platz für einen Klimasteg gewesen, der die Geschichte auch reflektieren würde. Auch der Standort der hölzernen Römerbrücke in Höhe WSV wäre ein Hinweis auf eine Flussüberquerung an dieser Stelle gewesen.“

Vielleicht findet sich ja wenigstens ein Hinweis an der zentralen Station Stadtklima, die aus Synergie-Aspekten einen anderen Standort in abgespeckter Dimensionierung erhält – sie rückt zum Mainuferpark in Nähe der vierten Station: die Fatamorama.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare