„Nicht gestohlen, nur ergänzt“

OFFENBACH - Das Offenbacher Schöffengericht mochte die abenteuerlich wirkende Erklärung der Angeklagten nicht glauben. Deshalb verurteilte Richter Manfred Beck die 60-Jährige wegen „räuberischen Diebstahls in Tateinheit mit Körperverletzungwegen“ zu einem Jahr Gefängnis.

Weil die Frau das erste Mal angeklagt war, gab’s Bewährung.

Die Rentnerin mit deutschen Pass, die in den 60er Jahren nach Deutschland gekommen war, musste sich verantworten, weil sie am 4. November 2011 den Offenbacher C&A mit unbezahlter Babyausstattung im Wert von 300 Euro verlassen wollte. Einen Zeugen, der sie daran hindern wollte, hatte sie gegen das Schienbein getreten. Dieser Umstand macht aus dem Diebstahl juristisch einen räuberischen.

Die Frau bestritt allerdings vehement, etwas im C&A gestohlen zu haben. Vielmehr sei sie mit Ware, die sie vor Tagen dort gekauft habe, nochmals ins Kaufhaus gegangen, um das Sortiment zu ergänzen. Sie habe die Babysachen für eine Verwandte in Serbien erworben, zu der sie am nächsten Tag habe fahren wollen. Dann aber habe sie im Kaufhaus einer ihrer Angstausbrüche überfallen, die sie oft bekomme, wenn sie sich in einem Gebäude aufhalte. Sie sei dann flugs nach draußen gelaufen, wo sie von einer ihr unbekannten weiblichen Person angesprochen worden sei, sie solle zurück ins Kaufhaus kommen. Da sie aber nichts geklaut habe, sei sie ihres Weges gegangen.

Als dann noch ein Mann auf sie zugekommen sei und sie habe festhalten wolle, habe sie auch diesem klar gemacht, dass sie nichts geklaut habe und nicht anhalten müsse.

Vor Gericht stellte sich aufgrund der Aussage einer Verkäuferin der Sachverhalt anders dar: Die Angestellte hörte den Sicherheits-Alarm, als die Frau das Kaufhaus verließ. Sie sprach die spätere Angeklagte an, sie möge mit ihr zu einer Kasse kommen, da möglicherweise ein Sicherungsetikett nicht entfernt worden sei. Die Angeklagte habe aber gesagt, dass sie nichts gestohlen habe und sei einfach weitergegangen. Ein Mann habe sich eingeschaltet und erklärt, dass man die Angelegenheit doch am besten im Kaufhaus kläre. Damit handelte er sich einen schmerzhaften Tritt („Wie ein gelbwürdiges Foul“, sagte der Amateur-Fußballer vor Gericht) gegen das Schienbein ein. Eine alarmierte Polizeistreife nahm kurz darauf die rabiate Dame fest.

Die stellvertretende Filialleiterin bezeugte später , dass die in einer Tasche bei der Angeklagten aufgefundenen Waren nie in den Verkauf gelangt sein konnten. Sie seien nie über die Kasse gelaufen.

Angesichts dieser Fakten wollte das Offenbacher Gericht keinen berechtigten Zweifel an der Täterschaft der Angeklagten finden und verurteilte sie. Außer der Bewährungsstrafe wurde ihr auferlegt, 500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zu zahlen.

tk

Rubriklistenbild: © dpa

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