Nicht Herr im eigenen Haus

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Familie Kurz lebt nun ohne Strom und Wasser in einem Rohbau.

Offenbach - Nein, wütend ist Alexander Kurz nicht, auch nicht frustriert. Zumindest will er das nicht zugeben. „Sonst wären wir doch schon komplett abgedreht.“ Der 29-jährige Eigentümer eines Mehrfamilienhauses in Bürgel ist schlichtweg ratlos. Von Fabian El Cheikh

„Wir wollen doch nur unsere Grundversorgung sicherstellen, um mehr geht es doch nicht. “ Stattdessen befindet er sich im Krieg mit seiner Nachbarin. Ein Krieg, der von der ersten Minute an juristisch ausgefochten wird, denn die streitsüchtige Nachbarin ist nicht nur seine Mieterin, sondern auch noch Rechtsanwältin.

Rückblende: Vor gut zwei Jahren beschließen Alexander Kurz und seine Frau Anna, die Seite zu wechseln. Vom Mieter zum Vermieter. Monatelang suchen sie ein passendes und günstiges Objekt und werden schließlich fündig in Bürgel. Das fast 100 Jahre alte Wohnhaus mit seinem kleinen Hinterhof, einem Anbau, einer Garage sowie einem Hinterhaus hat es ihnen angetan. Gut, es gibt vieles zu tun: Der inzwischen verstorbene Eigentümer hat jahrzehntelang nicht mehr investiert, die Wohnungen sind dringend sanierungsbedürftig. „Wir mussten sogar noch alte Kohleheizungen ausbauen“, sagt Kurz. Ein paar Monate Arbeit und die Familie kann hier glücklich werden. Dachte er sich hochmotiviert – und täuschte sich bitterlich.

Zum 1. August verließ die Familie ihre gemietete Wohnung in Bad Vilbel. Nun sitzt der Familienvater zurückhaltend, fast schon schüchtern, an einem kleinen Tisch in der Küche seiner neuen Bleibe im Erdgeschoss. Eine kleine im Rohbau befindliche Zweizimmer-Wohnung, die seiner 14 Monate alten Tochter und seiner schwangeren Ehefrau Anna nicht mehr bietet als die sprichwörtlichen vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Strom gibt es nicht, ebenso kein Wasser und keine Heizung. „Wir müssen die Toilette von Nachbarn mitbenutzen, waschen können wir uns nur in einem Bottich, und warmes Wasser gibt’s nur dank eines Wasserkochers, den wir an eine Steckdose im Treppenhaus anschließen.“

Mieterin fährt juristische Geschütze auf

Das Problem: Eigentlich wollten Kurzens die im Rohbau befindliche Vierzimmer-Wohnung im Dachgeschoss für sich nutzen. Dort aber muss erst noch die Infrastruktur für die Grundversorgung geschaffen werden. Im Keller haben die neuen Eigentümer für knapp 8000 Euro eine Gaszentralheizung einbauen lassen, nun müssten die Rohre durch die Wohnung der Rechtsanwältin verlegt werden. Die Heizungsrohre verlaufen durch den Kaminschacht im Bad, das Abwasserrohr durch die Abstellkammer der Dame im Treppenhaus. Diese aber weigert sich partout, die Arbeiten durchführen zu lassen.

„Sie hat ja alles, nur wir nicht“, beklagt Kurz, der die Mieterin schon Ende Juni auf die notwendigen Modernisierungsarbeiten hingewiesen hat, von denen auch sie profitieren würde: „Sie würde an die Zentralheizung angeschlossen und könnte ihre problemanfällige Gasetagenheizung aufgeben. Die fällt mehrmals die im Winter aus.“ Von alledem will die Nachbarin aber offenbar nichts wissen. Im Gegenteil: Sie erwirkte am Amtsgericht Offenbach eine einstweilige Verfügung, die es dem Eigentümer 14 Tage lang untersagte, überhaupt irgendwelche Arbeiten am Haus zu tätigen. Zeit, die ungenutzt verstrich. Anschließend flatterte ein Bescheid ins Haus, der dem Eigentümer auferlegt, jedwede mit Lärm und Dreck verbundene Arbeit der Mieterin 24 Stunden vorher schriftlich mitzuteilen. Maßnahmen in deren Wohnung bedürfen einer Anmeldung drei Monate im Voraus. „Ich weiß einfach nicht, wovor sie Angst hat. Wir würden die Modernisierung auch ohne Mieterhöhung für sie durchführen.“

Doch damit noch lange nicht genug: Die Anwältin, die gestern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen war, fährt großes juristisches Kaliber auf, droht mit Mietminderungen, verlangt 15 Euro pro Stunde für eine Aufsichtsperson für den Fall, dass in ihrer Wohnung während ihrer Abwesenheit gearbeitet wird, stellt Kurz Rechnungen für Putzfrauen in Aussicht, droht mit Strafen in Höhe von 50 Euro, wenn Strom oder Wasser ohne vorherige schriftliche Anmeldung kurzzeitig abgestellt werden – und hat keinen Cent ihrer Miete in diesem Monat überwiesen. Hinzu kommt: Schriftlich verlangt sie von Kurz, die „unzureichende Warmwasserversorgung“ in der Küche wiederherzustellen, undichte Fugen in der Dusche instand zu setzen und das Hoftor zu reparieren. „Ich weiß nicht, was ich noch machen soll“, sagt Kurz, „wir wollen doch keinen Ärger, sondern nur ein paar Leitungen verlegen.“

In seiner Not hat er ihr inzwischen eine Eigenbedarfskündigung ausgesprochen. Die Antwort der Anwältin? Sie sei bereit, im kommenden Sommer auszuziehen, bis dahin habe er ihr 420 Euro monatlich und 3000 Euro zum Auszug zu zahlen.

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