Nicht jeden Tag auf dem Tisch

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Gut zu erkennen ist der Ärmel des Mantels, den ein Zwölfjähriger getragen hat. Nina Frankenhauser (links) und Jutta Göpfrich bereiteten ihn und den Brustlatz auf.

Offenbach - Im Mai 2008 entdeckt der Nomade Namsrai Dandar zufällig beim Schafehüten in einer Höhle in der mongolischen Altairegion ein Felsspaltengrab. Von Fabian El Cheikh

Diese Höhle, fernab von Siedlungen und Straßen im Gebirgsmassiv Jargalant Khairkhan, offenbart einen für Kulturhistoriker und Archäologen einzigartigen Schatz. Er enthält Köcher, Pfeile, Reflexbogen, Sattel, Steigbügel, Ledertaschen, Textilreste und die wohl älteste je gefundene Pferdekopfgeige – das Nationalinstrument der Mongolei. Die Zeugnisse der mongolischen Kultur lassen sich nur schwer datieren, müssen aber nach Meinung von Experten aus dem Zeitraum vom 6. bis 17. Jahrhundert stammen.

In dieser Feuchtekammer landeten zunächst die Fregmente des ledernen Mantels aus der Mongolei, die das Ledermuseum für eine Ausstellung restauriert hat.

Erstmals werden die Fundsstücke in der Ausstellung „Der Steppenkrieger - Reiternomaden des 7. bis 14. Jahrhunderts“ ab dem 26. Januar im Rheinischen Landesmuseum Bonn gezeigt. An der Restaurierung der teils stark deformierten, zerbrochenen oder mit Schimmelpilz befallenen Objekte beteiligt war maßgeblich auch das renommierte Deutsche Ledermuseum in Offenbach.

Zwar trotzten die Grabbeigaben der alttürkischen Krieger in großer Höhe, 1866 Meter über dem Meeresspiegel, gut geschützt vor Wetter, Mensch und Tier dem Verfall der Zeit ausgesprochen gut. So beschreiben es Holger Becker, Regina Klee und Forschungsleiter Professor Jan Bemmann in ihrem Beitrag in der Fachzeitschrift „Restauro“. Dennoch hatten Jutta Göpfrich und Nina Frankenhauser im Ledermuseum genug zu tun. Die beiden Restauratorinnen erhielten von der Forschungsgruppe um die Mongolische Akademie der Wissenschaften in Ulan Bator, der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und der Universität Bonn im Sommer den Auftrag, das Fragment eines ledernen Mantels mit Ärmel und Brustlatz, zu reinigen und instand zu setzen. Eine übertragene Verantwortung, die dem Ruf des Ledermuseums und seiner Werkstatt zu verdanken ist und zusätzlich ein paar Euros in die magere Kasse des Museums spült.

Im Ärmel stecke noch der Knochen

Jutta Göpfrich freut sich aber noch aus einem anderen Grund: „Sowas haben wir schließlich nicht jeden Tag auf dem Tisch!“ Wie die Größe des Brustlatzes und des Ärmels, schon vermuten ließ und Röntgenaufnahmen bestätigten, handelt es sich bei dem Kleidungsstück um einen so genannten Deel eines zwölfjährigen Kindes. Ganz angenehm war die Arbeit, die gestern beendet wurde, für Göpfrich und Frankenhauser dennoch nicht. „Im Ärmel befindet sich noch der Knochen und die mumifizierte Hand, das hat anfangs ziemlich gerochen.“ Nicht uneklig auch: die zahlreichen Insektenkadaver auf dem fettgegerbten Schafsleder.

Der Lederpanzer eines Kriegers

Zunächst schoben Göpfrich und Frankenhauser die Fragmente in die Feuchtekammer, in der dank hoher Luftfeuchtigkeit das Leder so geschmeidig wurde, dass es bearbeitet werden konnte. Anschließend ging es mit der Pinzette ans Eingemachte: Vorsichtig wurden die meist leeren Insektenhüllen abgelesen, danach die Mantelteile mit Feinstaubsauger und Pinsel ohne großen Druck behutsam gereinigt und mittels Klebstoff wieder aneinandergefügt. „Mit Seidenpapier haben wir außerdem deformierte Stellen wieder zurückgeformt und Risse geschlossen“, erläutert Göpfrich die weiteren Arbeitsschritte. „Insgesamt sind die Teile aber noch sehr gut erhalten“, lautet das Urteil der Restauratorinnen. Noch gut zu erkennen ist etwa auch die Lackierung des Deels in rosa und schwarz. Verzierungen haben die mongolischen Designer mittels einfacher Lederknoten erzeugt. „Das muss sogar ganz hübsch ausgesehen haben“, findet Göpfrich.

Zusätzlich zu dieser wichtigen Arbeit ist das Ledermuseum durch Leihgaben an der Ausstellung, die bis 29. April läuft, beteiligt. So wird in Bonn der 15 Kilogramm schwere, schwarz-rot lackierte Lederpanzer eines zentralasiatischen Kriegers gezeigt, der zwar seit 1929 im Besitz des Ledermuseums ist, bislang aber nur selten der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Er soll künftig in der noch zu schaffenden Asienabteilung des Ledermuseums seinen Platz finden.

Und auch ein Prunksattel, vermutlich für Frauen, aus Holz mit ursprünglich textilem Polster und versilberten und vergoldeten Metallbeschlägen, wird das Bonner Landesmuseum kurzzeitig bereichern.

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