Ordnungsamt und Diakonie

Wenn Obdachlose Hilfe ablehnen: Nicht jeder in Offenbach will ein Dach über dem Kopf

Wohnungslose Frau campiert am Offenbacher Marktplatz
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Freiwillig zurückgekehrt: Nach kurzem Aufenthalt bei ihrer Schwester hat sich eine wohnungslose Frau samt Hab und Gut wieder am Marktplatz niedergelassen. Die Stadtpolizei ist mit ihr regelmäßig in Kontakt.

In der kalten Jahreszeit bietet die Stadt Offenbach Obdachlosen Übernachtungsmöglichkeiten an. Doch nicht jeder nimmt dieses Angebot an.

Offenbach – Die Kleidung des Mannes hängt nur noch in Fetzen an seinem Körper, seine Gliedmaßen sind vor Kälte ganz rot. Er sitzt oft an der S-Bahnstation Ledermuseum – ein richtiges Dach über dem Kopf lehnt er ab. Eine S-Bahnstation weiter, am Marktplatz, hat auf Höhe des Taxistands eine Obdachlose ein Lager voller Habseligkeiten angesammelt. Plastik, Kleidung, eine Babywanne zum Waschen. Es ist ihr „Zuhause“, weg will sie nicht.

Diese beiden Wohnungslosen sind für viele Offenbacher ein bekannter Anblick – der in der kalten Jahreszeit noch trauriger macht. Doch obwohl es für Passanten so wirken mag, werden sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Mitarbeiter des Ordnungsamts und des Sozialdienstes der Diakonie schauen nach ihnen und ihrem Gesundheitszustand, führen Gespräche, machen Angebote zur Unterbringung.

Obdachlose fühlt sich in geschlossenen Wänden nicht wohl und kehrt zum Offenbacher Marktplatz zurück

Im Falle der Frau am Marktplatz hat die Stadtpolizei im März vergangenen Jahres einen Erfolg vermeldet. Es gelang, die Schwester der Südosteuropäerin ausfindig zu machen und sie zusammenzuführen. Sie war samt Hausstand erst mal von der Straße. Doch das hielt nicht lange. „Sie fühlt sich in geschlossenen Wänden nicht wohl, ist wieder flügge geworden“, formuliert es Sachgebietsleiter Pascal Becker. Sie kehrte an den Marktplatz zurück – ihr Depot dort ist größer denn je.

Den Standort hat sie bewusst gewählt, weiß Becker. „Drumherum ist Gastronomie, man erlaubt ihr, ihre Notdurft zu verrichten, sie kann sich kurz aufwärmen, was zu essen fällt auch für sie ab.“ Dass ihr Lager an zentraler Stelle in Offenbach gewiss kein schöner Anblick und Aushängeschild für die Stadt ist, räumt er ein – doch es gebe keine rechtliche Handhabe dagegen: „Zwangsmaßnahmen zur Abwendung von Obdachlosigkeit sind nur in Ausnahmefällen möglich, wenn konkrete Gefahren für Leib und Leben drohen“, erläutert er. Das sei hier nicht der Fall. „Es geht ihr körperlich gut, erst diese Woche haben zwei unserer Rettungssanitäter sie begutachtet.“

Platzverweis nicht möglich, da es sich formal um keine Ordnungswidrigkeit handelt

Sie einfach des Platzes zu verweisen, sei nicht möglich, da sie formal keine Ordnungswidrigkeit begehe. „Was die Vermüllung angeht, reicht es nicht als Rechtfertigungsgrund, sie wegzuschicken. Wir reden immer wieder mit ihr, haben zusammen mit dem ESO auch schon einiges entsorgt.“ Angebote, woanders untergebracht zu werden, lehne sie kategorisch ab.

Ebenso der Mann, der mit seiner zerlumpten Kleidung vor allem in der Nähe von Offenbacher S-Bahnstationen auffällt. „Unsere Mitarbeiter haben ihn schon mehrfach aufgesucht, ihm Hilfe angeboten und auf unsere Übernachtungsmöglichkeiten hingewiesen“, sagt Thomas Quiring, Leiter des Diakonischen Hilfswerks, das an der Gerberstraße einen Kleiderladen und Teestube für Obdachlose, Fachberatung und Unterkünfte für wohnungslose Männer anbietet. 17 Plätze sind es für feste Gäste, neun im „Durchwandererbereich“, coronabedingt jedoch derzeit auf fünf reduziert. „Der Tagestreff ist durch die Coronasituation stark eingeschränkt, anderes Arbeiten gefordert. Wir können nur weniger Übernachtungen anbieten, als wir eigentlich wollen“, bedauert Quiring. Doch unabhängig davon gebe es an diesen Mann trotz mehrfacher Versuche kein Herankommen – und ihn zu etwas zu zwingen sei ohnehin nicht möglich: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Die Offenbacher Stadtpolizei kennt die Personalien der Wohnsitzlosen

Pascal Becker berichtet, das Ordnungsamt habe dem Mann bereits ausrangierte Kleidung gebracht, die nun offenbar auch schon wieder zerschlissen sei. Jedenfalls kenne die Stadtpolizei seine Personalien, genau wie die aller anderen Personen ohne festen Wohnsitz: „Die werden, ebenso wie der Aufenthaltsstatus, als erste überprüft.“ Wer bereit sei, Hilfe anzunehmen, den begleiten die Kollegen zu entsprechenden Ämtern und Angeboten.

Trotz dieser beiden herausstechenden Fälle ist der Sachgebietsleiter zufrieden mit der Situation in Offenbach. „Im Vergleich zu anderen Städten dieser Größenordnung haben wir nur eine geringe Anzahl Obdachloser oder Bettler.“ Dadurch fielen die einzelnen mehr auf. „Wir bemühen uns sehr, diesen Menschen zu helfen und sie von der Straße zu bekommen.“ Doch dabei gebe es nun mal rechtliche Grenzen. (Von Veronika Schade)

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