Abschlusszeugnisse für Fröbelschüler

+
„Und tschüß Fröbelschule“ sagten gestern (von links) Florita Lakatosz, Anisa Quureishi, Deniz Karakavak, Lukas Kühn, Luca Pullara, Laura Meister, Murat Uzuner, Nadja Ezzubaidi und Romina Wenzel (nicht im Bild).

Offenbach ‐ Murat Uzuner kann es kaum erwarten. Der 18-Jährige patroulliert vor dem Schultor, stürzt sich freudig auf jeden, der eintrudelt. „Komm, ich bring Dich...“, lockt er, und beim „...in die Turnhalle“ hat ihn schon fast der Schulflur verschluckt. Von Barbara Hoven

In der Halle, da sind zehn Minuten vor Beginn der Entlassungsfeier immer noch viele Stühle leer – die Hitze treibt die Gäste nach draußen. Das passt Murat gar nicht. „Erst wenn alle drin sind, kriegen wir unsere Abschlusszeugnisse.“

Punkt 10 Uhr ist die Warterei überstanden, die Schülerband begrüßt die Gäste, Murat trommelt mit, singt und kriegt das Strahlen nicht mehr aus dem Gesicht. Gemeinsam mit acht Mitschülern aus drei Klassen der so genannten Haupt- und Werkstufe (Schuljahr 9-12) steht er an diesem Dienstagmorgen im Mittelpunkt an der Fröbelschule für Praktisch-Bildbare. Dort gibt es keine einheitliche Verweildauer. Wann die Schüler ausscheiden, wird je nach Entwicklung von Fall zu Fall entschieden – der Durchschnitt liegt bei zwölf Jahren.

Menschen werden immer mehr ausgegrenzt

Als es gestern soweit ist, genießen die neun Jugendlichen, die ein breites Spektrum an Behinderungen von der beeinträchtigten Lernfähigkeit bis hin zur Schwerbehinderung aufweisen, ihren Moment. Die wenigen Tränen, die fließen, sind der Aufregung geschuldet und der rührenden Herzlichkeit, die an der Goethestraße zu regieren scheint: Alle 97 Schüler, die Lehrer und Therapeuten, sogar die Busfahrerin feiern mit. Ballkleider und Champagnergläser braucht diese Abschlussfeier nicht, um eine unvergessliche zu werden.

Vergessen werden die neun Schulabgänger einander ohnehin nicht so schnell. Fast alle kommen nach den großen Ferien bei den AWO-Werkstätten unter, werden teils gemeinsam die Berufsschule besuchen, teils in Wohngruppen leben.

„Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben unsere Schüler kaum Chancen“, sagt Schulleiter Reinhard Brand. Bei der derzeitigen Wirtschaftslage sei eine Vermittlung von Schülern, die teils im Rollstuhl sitzen, sich teils nicht artikulieren können, nahezu unmöglich geworden. „Diese Menschen werden einfach immer mehr ausgegrenzt“, bedauert Brand. „Selbst in den Behindertenwerkstätten wird´s schwieriger, weil deren frühere Auftraggeber lieber in Billiglohn-Ländern produzieren lassen. Eine traurige Entwicklung.“

Das will Rudi Schell, Sprecher der Werkstätten Hainbachtal, so nicht stehen lassen. „Sicherlich geht die Flaute auch an uns nicht ganz spurlos vorüber, aber wir können absolut nicht sagen, dass wir keine Arbeit haben“, bekräftigt er. Abweisen dürfe man ohnehin niemanden. „Zum Glück haben wir schon vor Jahren angefangen, unsere Angebote auf breite Füße zu stellen“, beispielsweise mit der Fertigung von Designerleuchten oder den Cafés in Stadt und Hainbachtal. „Die Flexibilität ist jetzt unser Vorteil.“ Allerdings weiß Schell auch von anderen Werkstätten in Hessen zu berichten, „die da mehr zu knapsen haben“.

Fit gemacht fürs Berufsleben

Für die Fröbelschüler beginnt der Weg bei den Werkstätten im Berufsbildungsbereich. Zwei Jahre lang werden sie durch Praktika in verschiedene Berufe hereinschnuppern. „So sehen wir Stärken und Schwächen und finden für jeden das Richtige“, erklärt Schell.

Bereits in den letzten drei Schuljahren haben Thomas Kühn, Stufenleiter der Haupt- und Werkstufe, und seine Kollegen die Fröbelschüler mit Praktika, Computer-, Werk- und Hauswirtschaftsunterricht, Lesen und Rechnen „lebenspraktische Fähigkeiten vermittelt“ und sie fit gemacht fürs Berufsleben.

Nur zwei der neun Abgänger wollen andere Wege gehen als den zur AWO. Etwa Anisa Quureishi aus Afghanistan, ein hübsches Mädchen mit flottem Tanzfuß, der man auch beim zweiten Hinsehen kaum eine Behinderung anmerkt. „Ich bin stolz auf mich, vor allem weil Deutsch so schwer ist und ich es trotzdem gelernt habe“, sagt sie nach sieben Jahren Fröbelschule selbstbewusst. Sie will sich „nicht in eine Schublade stecken lassen“, sondern mit Hilfe des Arbeitsamtes eigene Wege gehen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare