Gefäßtag des Offenbacher Klinikums: Nicht warten, sofort handeln

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Professor Norbert Rillinger und Professor Arend Billing mit einem Stent für große Gefäße und passendem Setzwerkzeug.

Offenbach - Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren im vergangenen Jahr laut Bundesärztekammer für 41 Prozent der Sterbefälle verantwortlich und bleiben damit weiterhin Todesursache Nummer eins. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Die Herzstiftung spricht von Krankheitskosten in Höhe von 169 Milliarden Euro pro Jahr in allen EU-Ländern zusammen – Tendenz steigend. Um diesen Trend zu stoppen, ist Aufklärung unerlässlich. Diese gab es am Samstagvormittag beim Gefäßtag wieder in geballt-kompetenter Form. Abwechselnd mit dem Herztag bietet das Offenbacher Klinikum einmal jährlich Informationen aus erster medizinischer Hand, vormals im Rathaus, seit Fertigstellung des Neubaus am Starkenburgring.

Fünf Vorträge zu den Themen Schlaganfall und Durchblutungsstörung stehen auf der Tagesordnung. Das Organisatoren-Ehepaar Ramona und Professor Arend Billing, Chefarzt der Gefäßchirurgie, kann über mangelndes Interesse nicht klagen: der Helmut-Nier-Saal platzt mit weit mehr als 100 Teilnehmern aus allen Nähten. Wer schon um 10 Uhr da ist, gibt seinen Stuhl nicht nach dem ersten Vortrag frei, sondern bleibt bis zum Schluss sitzen. Später eintreffende Besucher müssen sogar um einen Stehplatz kämpfen.

Gleich zu Anfang referiert der Kardiologe Professor Harald Klepzig über die Vorbeugung von Gefäßkrankheiten. Er nennt die Risikofaktoren für Adernverkalkung beim Namen: Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck, hoheBlutfette, mangelnde Bewegung und belastetes Erbgut. Die machen auch vor Prominenz und Privileg nicht halt: Klepzig präsentiert eine Risikoabschätzung für zwei ehemalige amerikanischen Präsidenten. Bill Clinton liegt demnach im dunkelrot-kritischen Bereich, Nachfolger George Bush ist mit besseren Blutdruck- und Cholesterinwerten als Nichtraucher im orangeroten Bereich etwas gesünder eingestuft. Interessant auch eine Studie zum Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln: die brächten allein dem Hersteller Vorteile in Form von guten Umsätzen. Regelmäßige Einnahmen brachten keine Verbesserung der Gesundheit; Vitamin A, E und Beta-Carotin erhöhten sogar die Sterblichkeit der Probanden.

Anzeichen für einen Schlaganfall richtig deuten

Beim Oberarzt der Neurologischen Klinik lernt man, Anzeichen für einen Schlaganfall richtig zu deuten. Dr. Karl-Heinz Henns Hauptbotschaft: „Herzinfarkt schmerzt, Schlaganfall nicht! Bei verdächtigen Symptomen sofort handeln, nicht warten - lieber einmal umsonst ins Krankenhaus als schwere Behinderungen davon tragen!“ Das wichtigste sei eine frühe Behandlung, denn die Auflösung des Gerinnsels durch Medikamente kann nur bis zu dreieinhalb Stunden nach dessen Bildung erfolgen. Im Klinikum sei durch eine kontinuierliche Überwachung auf der „Stroke Unit“ (Schlaganfallstation) die Komplikationsrate weit geringer als auf üblichen inneren Stationen. 1400 Fälle zählt die Klinik-Statistik derzeit im Jahr, weniger als 20 Prozent davon kommen rechtzeitig in Behandlung.

Anschaulich wird es im Redebeitrag des Gefäßchirurgen. Der hat hochtechnische Hilfsmittel mitgebracht, die verengte Gefäße wieder durchgängig machen. Billing zeigt einen Stent aus Nitinol - eine Formgedächtnis-Legierung aus Nickel und Titan - der mittels Katheder in die Ader eingesetzt wird. So eine Hightech-Gefäßstütze kostet die Kasse in kleiner Form um die 600, für eine Hauptschlagader rund 8000 Euro. Massgefertigt müssen für das kleine Teilchen sogar bis zu 40.000 Euro auf den Tisch gelegt werden.

Für reichlich Fragen und Diskussionsbedarf stehen die Mediziner auch nach den Vorträgen zur Verfügung, so dass Billing nur mit Mühe den Saal für eine Folgeveranstaltung um 13 Uhr räumen kann.

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