Nicht-Organisierten wird jetzt viel mehr Gehör geschenkt

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Jan Schulz stellte vor, was das Büro „bb22“ an Erkenntnissen über die Stärken und Schwächen von Offenbachs Innenstadt gewonnen hat.

Offenbach - Dragana Gavric und Dennis Lat haben klare Vorstellungen, was die Offenbacher Innenstadt bis 2015 noch alles braucht wird: mehr Grünflächen, einige Relax-Zonen, eine Fläche für diverse Sportarten, mehr Läden mit Angebot und Service für junge Leute, ein Jugend- und Kulturcafé. Von Thomas Kirstein

Kurzum: Offenbachs City muss kinder- und jugendfreundlicher werden. Die 15-jährige Vorsitzende des Kinder- und Jugendparlaments und ihr 14-jähriger Stellvertreter sind die jüngsten von mehr als hundert Offenbachern, die mitreden wollen, wenn es um die Umgestaltung eines zentralen Teils der Innenstadt geht.

Wo gefällt’s mir am besten? Auf einer Karte markierten die Teilnehmer ihre Lieblingsplätze in der Stadt.

Am Dienstagabend ist die Halle K 39 im Goldpfeil-Gebäude an der Kaiserstraße für die Einladenden überraschend gut gefüllt. Will sonst gerade mal ein Dutzend Interessierter über Innenstadt-Themen mitreden, kommt die zehnfache Zahl zur Auftaktveranstaltung des Programms „Aktive Innenstadt“. Zu den Angehörigen von Institutionen und Interessensgruppen wie Handel, IHK , Gastronomie, Politik, Hochschule oder Verwaltung gesellen sich viele, die sich ohne funktionale Einbindung für ihre Stadt engagieren wollen.

Die Ansprüche und Beiträge der Anwesenden bescheren der Zusammenkunft ein Ergebnis, das so nicht unbedingt absehbar war: Es soll eine weitaus stärkere Beteiligung der „Normalbürger“ geben, die über das ursprünglich geplante 50-köpfige „Forum“ hinausgeht; das Internet wird stärker als Plattform für die Meinungsäußerung genutzt; es soll einen „Bürgeranwalt“ und mehr öffentliche Gelegenheiten zum Mitreden geben.

Schon dieser erste Abend bringt etliche kreative und unkonventionelle Ideen seitens bislang nicht organisierter Offenbacher - ein Potential, das die Stadt weiter nutzen will.

Eigentlich ist die „Aktive Innenstadt“ ein Programm, das auf die Einbeziehung von Interessensgruppen abzielt. Womöglich haben sich die Erfinder beim Land Hessen nicht vorstellen können, dass es so attraktiv für viele sein könnte, die Stadtplanung einmal nicht den Stadtplanern im stillen Kämmerlein überlassen zu müssen.

Das wiederum kann auch daran liegen, dass Geld für Planung und Umsetzung bereit liegt. 12,5 Millionen Euro werden in den nächsten acht Jahren in Offenbachs Kern investiert, und Bürger sehen die seltene Chance auf die Verwendung Einfluss nehmen zu können.

Eine Arbeitsgruppe von Stadt und IHK hat mit einem als Schnellschuss geschnürten Ideenpaket in dem von der Landesregierung ausgeschriebenen Wettbewerb überzeugen können. Offenbach gehört zu den 20 Kommunen und Kooperationen, die im Oktober 2008 unter 80 Bewerbern um die Städtebauförderung den Zuschlag erhielten. Das bedeutet, dass aus Wiesbaden zwei Drittel der Gesamtinvestition überwiesen werden.

Den Rest soll nicht allein die Stadt aufbringen, machte Oberbürgermeister Horst Schneider beim Auftakt deutlich: Auch Privatleute, also die Haus- und Grundstückseigner, sind gefordert. IHK-Vizepräsidentin und Buchhändlerin Helma Fischer beschrieb die neuen Möglichkeiten durch ein Landesgesetz zur Stärkung innerstädtischer Geschäftsquartiere: Wenn sich dort eine Mehrheit für kostenpflichtige Maßnahmen zur Aufwertung findet, kann die Minderheit zum Mitmachen gezwungen werden.

Wo das Geld hinfließt, soll im Wesentlichen Sache der Bürger sein. Fachleute geben Anregungen, machen aber keine Vorgaben. Selbst der Geltungsbereich ist noch nicht endgültig festgelegt. Im Laufe dieses Jahres soll ein Konzept erarbeitet, 2010 das erste Projekt angepackt werden. Zwei externe Büros helfen mit: „bb22 - urbane Projekte“ aus Frankfurt analysierte Vorteile und Defizite und wird den „Rahmenplan“ erstellen; „Stein + Schulz“ moderieren den Prozess. Bis Oktober sind fünf Sitzungen des „Forums Aktive Innenstadt“ vorgesehen.

Hinter all dem steckt das Ziel, wie der Oberbürgermeister betonte, letztlich die Lebensqualität der Innenstadt zu steigern. Wie diese jetzt positiv wie negativ bewertet wird und wie sie in einigen Jahren aussehen soll, konnten die Teilnehmer in der Goldpfeil-Halle auf Stellwänden notieren.

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