Unbekannte Abschrift des Bode-Tagebuchs öffnet Zeitfenster zur Geschichte Offenbachs

Aus dem Nichts aufgetaucht

Professor Bode bei der Arbeit im Städel-Atelier.

Offenbach - Das Offenbacher Haus der Stadtgeschichte (HdS) erlebt sein eigenes Sommermärchen: Das im Zweiten Weltkrieg verschollene Tagebuch des Offenbacher Vorzeigekünstlers Professor Leopold Bode (1831-1906) ist wieder aufgetaucht, von Enkelin Elisabeth Kämmerer 1942 überschrieben als ihre „Abschrift vom Tagebuch meines Großvaters vom 11. Von Reinhold Gries

3. 1831 – 26. 7. 1906“. Die drei Bände kamen dieser Tage als Päckchen aus Lübeck vom Bode-Nachfahren Christian Schmidt-Harms, vor einiger Zeit „zufällig zu Besuch“ in Offenbach. „Eine Sensation“, schwärmt Leiter Dr. Jürgen Eichenauer, „ein aus dem Nichts aufgetauchtes Zeitfenster zur Geschichte Offenbachs, des Rhein-Main-Gebietes und des Deutschen Reiches. “. .

Damit schließt das HdS eine wichtige Lücke zum Leben und Wirken des Historienmalers und Romantikers Leopold Bode, neben Rudolf Koch der einzige Offenbacher Künstler, der Eingang ins renommierte Ullstein Kunstlexikon fand. Bereits 1981 hatte Annemarie Hundertmark, eine andere Enkelin das Stadtmuseum mit Bodes Zeichnungen und Entwürfen beschenkt, 2008 wurden Eichenauer 45 nun frisch restaurierte Grafiken aus Bodes Nachlass übereignet, die 1891 das Isenburger Schlosses als hochwertige Bauaufnahme erfassten. So exakt konnte das nur Bode machen, bis 1883 für 42 Jahre Bewohner großzügiger Schlossräume im 2. Obergeschoss.

Ähnlich exakt kann man nun Bodes Leben, Wirken und Zeit verfolgen, am Ende wohl von Nachfahren ergänzt. „Die genaue Auswertung dieses Werks ist eine wissenschaftliche Aufgabe“, urteilt Eichenauer nach erster Durchsicht der Arbeitskopien. Die Aufzeichnungen beginnen mit der Geburt im André-Haus im Kleinen Biergrund als ältester Sohn bei der 1848-Revolution aktiven Zeichen- und Sportlehrers Georg Wilhelm Bode. Jugendjahre im Schloss wirken ungetrübt; sie münden im Besuch der Realschule an der Herrnstraße mit dem späteren Zeitungsgründer Leopold Sonnemann und Geschichtsschreiber Emil Pirazzi. Dann die mit 18 beginnende Studienzeit des Hochbegabten im Städel´schen Institut Frankfurt und Gehilfenzeit bei Eduard von Steinle mit der Ausmalung des Kölner Wallraff-Richartz-Museums und bekannter Kirchen. Privates zu zwei Ehen, sieben Kindern und dem Tod eines Enkels an dessen Geburtstag bleibt nicht ausgespart. Dazwischen die Karriere: Einzug ins Sachsenhäuser Städel-Atelier, bedeutende Aufträge wie die Ausmalung des Reichstags, Altarbilder und Literatur-Aquarelle, daneben Porträts zu Offenbacher Familien André, Krafft, D´Orville, Pirazzi, Schmaltz. Ein Gehörleiden verhindert die Kriegsteilnahme 1866 und 1870/71, im Tagebuch umso genauer aus Beobachter-Perspektive dargestellt. Dann Lebenshöhepunkte: 1873 wird Bodes Wirken vom österreichischen Kaiser per Goldmedaille prämiert, 1901 durch den hessischen Großherzog mit Goldener Verdienstmedaille und Professorentitel. Zuvor hatte Bode bei der Großherzoglichen Landesausstellung in Offenbach die Silbermedaille abgelehnt, bei ihm zählte nur Gold…

Aufschlussreich ist die persönliche Sicht der Dinge: Bodes Bangen während des Infanterieeinmarsches in Frankfurt und Bombardements von Mainz 1866: „Keine Nachricht von zu Hause“. Das hinderte ihn nicht an der Rheinreise unter holländischer Flagge, vorbei an für Kriegsoperationen abgeholztem Rheingau. 1867 Erschütterung über den Brand des Frankfurter Doms, 1873 erfolgreiche Teilnahme an der Weltausstellung, 1874 das Bekenntnis, Porträts auch nach Photografien zu malen. 1876 berichtet Bode über Offenbachs „Concurrenz“ zum Victoria-Denkmal auf dem Aliceplatz und „spärliche Mittel“, als wär´s heute. Oft schreibt er über Main-Hochwasser, die Offenbachs Innenstadt überschwemmen.

1878 zitiert er stolz aus der Presse, seine Städel-Ausstellung werde täglich von über 3000 Besuchern besucht. Teilnahme an der Ausmalung der Alten Oper Frankfurt 1879 und deren Eröffnung am 20. Oktober 1888 - oder an der Ausmalung des Berliner Reichstags - wechseln mit Offenbach-Notizen zur Freimaurerloge oder zum Jubiläum des Turnvereins mit der von ihm entworfenen Fahne. Das Gestern wird auch zum Heute bei Bodes inneren Kämpfen wegen des Umzugs nach Frankfurt und der Sehnsucht nach Offenbachs altem Schloss.

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