Nichts verschwendet

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Dr. Rosita Nenno vom Ledermuseum und Modedesign-Professorin Martina Glom bei der Ausstellungseröffnung mit den Studierenden der FH Hannover: Sie präsentieren den Entwurf von Renate Suslik.

Offenbach - „Es hat ein bisschen was von modernen Steinzeitmenschen, oder man könnte es als Eva 2009 bezeichnen“, lacht Tanja Kötting. Die Studentin der Fachhochschule Hannover hat mit ihren Kommilitoninnen des Studiengangs „Modedesign“ ein Experiment rund um das Material Leder gewagt. Die Inspiration dazu kam ihrer Professorin Martina Glomb bei einem Besuch in Offenbach.

Die Arbeiten sind nun im Deutschen Ledermuseum zu bewundern unter dem Titel „HäutzuTage - Experimente aus der Luxuswerkstatt“.

Ausstellung HÄUTzutage:

Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Fakultät III, Studiengang Modedesign der Fachhochschule Hannover unter Anleitung von Prof. Martina Glomb

28. Februar bis 19. April 2009

„Sie kam her in einem Lederkostüm von Vivienne Westwood und interessierte sich sehr für unsere Exponate“
, erinnert sich Museumskuratorin Dr. Rosita Nenno an ihre erste Begegnung mit der Modedesign-Professorin. Glomb kam mit einigen Studentinnen kurze Zeit später wieder ins Haus an der Frankfurter Straße 86, um sich die Ausstellung „Macht Leder Lust“ anzuschauen. Und so entstand auch die Idee, ein experimentelles Seminar rund um das vielseitige Material zu machen. Nenno gab gerne ihre Einverständnis, die schönsten Stücke hier auszustellen. In ihrer Eröffnungsrede zur Ausstellung erklärte sie: „Der Gedanke dieser Modeentwürfen beruht auf Nachhaltigkeit. Was wie ein neuer Begriff erscheint, war für unsere Vorfahren eine Selbstverständlichkeit. Genau wie sie sind die Studentinnen mit Respekt an das Material herangegangen, haben nichts verschwendet oder weggeschnitten. Und trotzdem, oder gerade deshalb, ist moderne, luxuriöse Haute Couture entstanden.“So findet man in der Ausstellung das raffinierte „kleine Schwarze“ nebst gewagten Korsagen, wallenden, ungewöhnlichen Abendkleidern oder einem Lederstreifenanzug für den Herrn. Kaum zu glauben, dass alles aus einem einzelnen Stück Leder besteht. Als Professorin Glomb nach langen Recherchen und Diskussionen über Leder und seine Bedeutung das erste Mal ihre Studentinnen mit einem riesigen Stück Rinderhaut zum Bearbeiten alleine ließ, kehrte sie nach ungefähr 15 Minuten in den Raum zurück: „Es war, wie ich es gehofft und erwartet hatte. Keine meiner Studentinnen hatte auch nur ein Stück von dem Leder abgeschnitten, aus Respekt vor dem Tier.“

Doch gerade dieser Respekt vor dem Material, das nach nur einer Saison seinen Wert nicht verlieren soll, führte zu den ungewöhnlichsten Kreationen. Die nachhaltig konzipierten Modelle können wieder auseinander genommen und neu zusammengesetzt werden. Und sie sind auch tragbar, wie die dazugehörige Fotoausstellung beweist - und die Studentinnen einstimmig behaupten. Auf den künstlerischen Bildern, in Zusammenarbeit mit den Fotografiestudenten der Fachhochschule Hannover entstanden, tragen Models die Originale vor der Naturkulisse des Erlebniszoos Hannover. Das Lebende und das „Tote“ soll dadurch vereint werden.

Eine ähnliche Idee hatte auch Renate Suslik bei ihrer Kreation. Sie verwob dickes Leder mit einem filigranen, silbernen Stoff und bügelte Puppenköpfe hinein. Die Puppe diente als Schablone („Sie sollte nicht aus Plastik sein“) und es dauerte gut und gerne eine Stunde, bis das Leder durch die Hitze zunächst weich wurde und dann die Form des Puppenkopfes annahm. Es mussten nur noch die Augen aufgebracht werden. Entstanden ist somit ein „lebendiges“ Kleid, wie man es noch nicht gesehen hat.

Tessa Kollwitz dachte bei ihrer Kreation, einem knappen schwarzen, unten gesäumten Kleid, zurück an die Fetischausstellung und hatte gleichzeitig Pin-up-Girls im Hinterkopf: „Ich hatte von vornherein die Absicht, ein sexy Kleid zu machen“verriet die Studentin. Als sie in dem Hirschleder, dass sie für ihre Arbeit gestellt bekam, mehrere Einschusslöcher fand, war sie zunächst unglücklich. Doch sie beschloss, auch dieses beschädigte Stück nicht wegzuschneiden, sondern zog die Ecken durch die Löcher. „Dass dabei so ein toller Balloneffekt und sogar eine Tasche entsteht, hätte ich vorher nicht gedacht“, freut sich die angehende Modedesignerin. Wie ihre Kommilitoninnen ist sie sehr stolz darauf, dass ihre Entwürfe im Museum ausgestellt sind. Doch sie freut sich auch, wenn die Schau am 19. April wieder vorbei ist: „Dann wollen wir Mädels unsere selbst kreierten Sachen anziehen und damit mal richtig schön ausgehen!“ Viele Blicke werden ihnen garantiert sein…

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