Wachsende Besorgnis bei Sozialexperten

Niedriglohn: Minijob wird zur Sackgasse

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Symbolbild

Offenbach - Immer mehr Menschen haben einen Teilzeit- oder Mini-Job. Sozialexperten in Rhein-Main sind besorgt. Was vor allem Protest auslöst: Ein Großteil der Minijobs wird nach Angaben von Gewerkschaften mit weniger als 8,50 Euro pro Stunde entlohnt. Von Peter Schulte-Holtey

Die Gewerkschaften Verdi und Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisieren mit deftigen Worten die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in der Region: „Arbeitsplätze, von denen man leben kann, werden systematisch abgebaut. Minijobber übernehmen die Arbeit von Vollzeitkräften. Jobs werden zerschlagen, Löhne gedrückt“, sagt Peter-Martin Cox von der NGG-Rhein-Main. Er belegt dies mit Zahlen vom Pestel-Institut. Demnach hat die Zahl der Minijobs seit 2003 um 106 Prozent zugenommen. Vor allem Frauen würden auch im Rhein-Main-Gebiet in Teilzeit- und Minijobs gedrängt. Der Frauenanteil betrage 69 Prozent. Frauen sind demnach in 19 560 Minijobs im Kreis Offenbach und in 6 260 in der Stadt Offenbach. Das Niedriglohn-Risiko sei für sie besonders hoch.

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Auch Matthias Schulze-Böing, Chef der MainArbeit (Kommunales Jobcenter der Stadt Offenbach), beobachtet mit Argusaugen die Entwicklung, dass „Unternehmen die gesetzlichen Möglichkeiten nutzen und viele Bereiche auf Minijobs umstellen“. Der Offenbacher Sozialexperte: „Für den Arbeitsmarkt hat das zwei Effekte: Das breite Angebot an Minijobs senkt die Eintrittsschwelle in Beschäftigung. Das kann positiv sein, denn ein Minijob ist erst mal besser als gar keine Arbeit. Zum anderen aber gehen normale Arbeitsverhältnisse verloren. Der Minijob wird zur Sackgasse. Das ist das Problem. Zur Zeit sind 13 Prozent der Arbeitnehmer in Offenbach ausschließlich in einem Minijob beschäftigt.“

Nach Angaben von Schulze-Böing werden durch die Hartz-Reformen Minijobs auch für Bezieher von Sozialleistungen attraktiver. Es rechne sich in vielen Fällen eher, einen Minijob mit Hartz-Leistungen zu kombinieren, als die Arbeitszeit auszuweiten und ein höheres Einkommen zu erwirtschaften. 2012 bekamen 1154 Personen mit einem Einkommen unter der Geringfügigkeitsgrenze (400 Euro) ergänzende Leistungen des Jobcenters MainArbeit. Der Experte: „So optimieren Unternehmen ihre Personalkosten und Leistungsbezieher ihr Einkommen zu Lasten des Steuerzahlers. Da gibt es Reformbedarf. Man sollte die Regeln für Minijobs deutlich strenger fassen.“

Carsten Müller, Sozialdezernent im Kreis Offenbach, fordert in der Debatte: „Der Gesetzgeber muss natürlich verhindern, dass ein Vollzeitjob in mehrere Mini-Jobs aufgespalten wird.“ Und zur Niedriglohn-Diskussion sagt er: „Es kann nicht sein, dass ein Mensch Vollzeit arbeitet und davon nicht leben kann. Das ist die Altersarmut von morgen. Bei uns im Job-Center der ProArbeit sind davon 3 059 Menschen betroffen, die Vollzeit arbeiten, aber mit ihrem Lohn unterhalb der Hartz-IV-Grenze bleiben, sodass wir deren Gehalt aufstocken müssen. Tendenz steigend. Das ist auf Dauer so nicht hinnehmbar.“

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