Interview mit Chef der Sparkasse Offenbach

Der Niedrigzins und seine Folgen

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Offenbach - Wie wirtschaftet ein Geldhaus in Zeiten niedriger Zinsen? Wie soll sich der Anleger verhalten? Guido Braun, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Offenbach, spricht im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn auch über die Gründe für relativ hohe Dispozinsen.

Die in Deutschland seit langem extrem niedrigen Zinsen bergen Risiken und Nebenwirkungen. Wie wichtig ist der Zinsüberschuss - der Gewinn aus Zinsen - für die Sparkasse Offenbach?

Der Zinsüberschuss bildet bei uns nahezu 80 Prozent der Erträge ab. Deshalb hat er eine ganz wichtige Bedeutung für uns.

Mit welchen Produkten erzielen Sie Zinsüberschüsse?

Im Grunde mit allen unseren Produkten. Das betrifft unsere eigenen Anlagen wie auch die Anlagen der Kunden.

Die Zinsen sind niedrig. Wie wirkt sich das auf die Ertragslage der Sparkasse Offenbach aus?

Wir kommen ursprünglich aus einer Phase, in der die Zinsen höher waren. Vor einigen Jahren sind sie gesunken und bis heute auf diesem niedrigen Niveau geblieben. Deshalb hatten wir zunächst einen positiven Effekt. Dies liegt an der sogenannten Fristentransformation, einer der wesentlichen volkswirtschaftlichen Funktionen der Kreditinstitute. Dabei werden kurzfristig angenommene Geldanlagen zu langfristigen Krediten umgewandelt. In der anfänglichen Niedrigzinsphase verbilligt sich somit die Aufnahme von Geldern, die wir als Kredite zur Verfügung stellen. Damit wird die Refinanzierung günstiger, während ein Großteil unserer Anlagen aber noch zu höheren Zinsen gebunden ist. Der Zinsüberschuss steigt zunächst sogar. Das Risiko aus der Fristentransformation wird besser bezahlt. Wenn die Zinsen allerdings lange niedrig bleiben, laufen die höheren Zinsen natürlich aus. Die neuen Anlagen werden dann auf niedrigem Niveau getätigt. Dies führt dann zu einer Phase mit einem reduzierten Zinsüberschuss.

Das belastet die Sparkasse.

Solange das Zinsniveau und damit die Zinsspanne für einen langen Zeitraum konstant bleiben, wie es derzeit der Fall ist, entstehen keine Probleme. Schwierig wird es, wenn die Zinsen wieder steigen, weil sich die mit niedrigen Zinsen versehenen ausgegebenen Kredite erst langsam dem neuen Zinsniveau anpassen. Wenn man indes ordentlich gewirtschaftet und die höheren Erträge aus der Anfangsphase zurückgelegt hat, dann gibt es keine Probleme. Also: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Die Sparkasse Offenbach hat Vorsorge getroffen. Allerdings gehen in der Niedrigzins-Phase auch die Margen etwas zurück.

Dann sind die niedrigen Zinsen für Sie kein Risiko?

Sie sind ein beherrschbares Risiko.

Sie fürchten sich eher vor steigenden Zinsen?

Fürchten ist das falsche Wort. Wir sehen die Gefahr. Das wird uns Geld kosten. Da wir aber Vorsorge getroffen haben, sind wir auf diese Situation vorbereitet.

Wie verdient die Sparkasse Geld? Wo legt sie ihr Kapital an?

Wir haben eine sehr konservative Anlagestrategie. Es ist übrigens die gleiche Strategie, die wir unseren Kunden empfehlen. Es kommt bei der Geldanlage auf eine vernünftige Mischung an. Dazu gehören Unternehmensanleihen sowie Bundes- und Landespapiere.

Bei den niedrigen Zinsen?

Bei den niedrigen Zinsen. Die Zinsen für Einlagen bei der Europäischen Zentralbank sind niedrig. Auch die Zinsen für Kredite an Kunden sind niedrig. Es gibt aber immer eine Spanne zwischen dem Kredit- und Einlagenzins.

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Haben Sie auf der Kostenseite gegengesteuert?

Wir wären keine guten Kaufleute, wenn wir an den Kosten nicht arbeiten würden. Die Entwicklung hat aber weniger mit den niedrigen Zinsen zu tun. Sie ist der Wettbewerbsintensität in der Branche geschuldet. Deshalb müssen wir die Kosten im Blick haben. So dürfen wir uns dem technischen Fortschritt nicht verschließen. Wir haben aber in den vergangenen zehn Jahren keine Filialen geschlossen. Vorher sind einige Niederlassungen in SB-Filialen umgebaut worden. Jetzt haben wir zehn Niederlassungen mit Personal und neun SB-Filialen. So haben wir in Offenbach eine der höchsten Filialdichten in Deutschland.

Was hat der Provisionsüberschuss, beispielsweise aus Wertpapieren, mit den Niedrigzinsen zu tun?

Natürlich haben wir in den vergangenen drei Jahren eine erfreuliche Entwicklung an den Börsen gehabt. Kunden, die sich am Anfang der Krise zurückgezogen haben, sind wieder stärker im Wertpapiergeschäft engagiert. Es macht Sinn, Geld in Aktien und anderen börsennotierten Papieren anzulegen. Langfristig ist es sinnvoll, Geld in mehreren unterschiedlichen Anlagen zu investieren.

Ist der Provisionsüberschuss für die Sparkasse also wichtiger geworden?

Da wir niedrigere Margen im Zinsgeschäft haben, hat der Provisionsüberschuss an Bedeutung gewonnen.

Welche Folgen haben die Niedrigzinsen für Sparkassenkunden?

Die größte Gefahr ist, dass der Kunde zu der Einschätzung kommt, dass sich Sparen nicht mehr lohnt. Wenn man 100 Euro spart, können vielleicht wegen niedriger Zinsen und der Geldentwertung nach einem Jahr noch 99 Euro übrig sein. Dann mag manch einer denken, das Sparen macht keinen Sinn, weil Geld verloren wird. Das ist die Gefahr.

Die Alternative bedeutet, dass die 100 Euro ausgegeben werden. So hat man null. Ich denke aber, 99 ist mehr als null. Auch da gilt: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Dabei muss auch an den Ruhestand gedacht werden. In Zukunft wird es wenigen Rentnern gelingen, den gleichen Lebensstandard wie in Zeiten des Berufslebens aus der Rente zu sichern. Deshalb darf man sich nicht von den niedrigen Zinsen abschrecken lassen. Bei einer vernünftigen Anlagestrategie werden aus 100 Euro vielleicht 101 Euro oder mehr.

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Was bedeuten die niedrigen Zinsen für die Altersvorsorge?

Die ältere Generation hatte das Glück, einen Teil des Geldes, das sie im Alter braucht, auch über Zinsen anzusparen. Die jüngere Generation hat das Problem, dass sie sich nicht mehr sicher sein kann, aus Zinsen einen vergleichbaren Anteil zu erwirtschaften. Deshalb ist sie gezwungen, noch mehr zu sparen und auf noch mehr Konsum zu verzichten. Die Politik muss uns reinen Wein einschenken und dem Bürger nicht suggerieren, dass ein „Weiter so“ möglich ist.

Eine Folge der Niedrigzinsen ist das boomende Immobiliengeschäft. Droht eine Blasenbildung in Stadt und Kreis?

Wenn bestimmte Anlageklassen für Investoren nicht interessant sind, konzentrieren sie sich auf andere. Deshalb gibt es eine enorme Nachfrage auf dem Immobilienmarkt. Das führt auch zu Preissteigerungen. Wer sich für eine Immobilie interessiert, muss immer schauen, wie die Preisentwicklung in Relation zu der Entwicklung bei den Mieten ist. Wenn beide Entwicklungen gleich laufen, kann man noch nicht von einem überhitzten Markt sprechen. Ich glaube, in Teilen der Republik haben wir eine Überhitzung.

Wie sieht es in Stadt und Kreis Offenbach aus?

Ich würde von ambitionierten Preisen sprechen. Letztlich ist die eigene Immobilie auch immer Teil der Altersvorsorge. Wenn man sich eine Immobilie kauft, fällt es den meisten leichter, auf Konsum zugunsten einer besseren Tilgung zu verzichten.

Wie hoch ist der Dispokredit der Sparkasse Offenbach?

Der liegt bei 7,5 Prozent.

Warum ist der Zinssatz für Dispokredite noch so hoch, wenn die Zinsen doch niedrig sind?

Als der Leitzins der Europäischen Zentralbank bei 4,5 Prozent lag, war der Dispo bei uns bei zwölf Prozent. Die Relation ist also die gleiche. Im Übrigen spielt der Dispozins bei unserer Kundschaft eigentlich keine Rolle. Wenn Kunden ihn länger in Anspruch nehmen, raten wir ihnen zum Wechsel in den Privatkredit, der deutlich günstiger ist.

Ist der Dispozins wegen des Risikos so hoch?

Auch wegen des Risikos. Zudem: Wir müssen das Geld bereitstellen, egal, ob es abgerufen wird oder nicht. Für dieses Geld bekommen wir quasi keine Zinsen. Das gesamte Kreditvolumen der Sparkasse Offenbach liegt bei etwa 800 Millionen Euro. Der Dispokredit macht rund ein Prozent aus. Es müssen aber 50 bis 60 Millionen Euro für Dispokredite bereitgehalten werden. So fallen Liquiditäts- und Bearbeitungskosten an.

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