„Zu früh ist inakzeptabel“

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Die OVB hat mittlerweile viele Busse der neuesten Generation im Einsatz.

Offenbach - Menschen fassen zum Jahreswechsel üblicherweise gute Vorsätze, um sie ein paar Tage später ohne große Reue wieder über Bord zu werfen. Von Marcus Reinsch

Unternehmen wie die Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB) – Betreiberin der innerstädtischen Buslinien 101, 102, 104, 105, 106 und 107 und der stadtgrenzenüberschreitenden Linien 103 und 120 – kommen nicht so leicht aus der Sache raus. Ihre einzige Kundin, Offenbachs lokale Nahverkehrsorganisation NiO, hat ihr im Offenbacher „Mobilitätsbericht“ schriftlich gegeben, welchen statistisch belegbaren Untugenden doch bitte möglichst bald abzuschwören ist.

Beispielsweise, auch wenn das erstmal überraschend klingt, dem Hang einiger Busfahrer zur Überpünktlichkeit. Drei Prozent aller Busse, die im Jahr 2010 in Offenbach unterwegs waren, fuhren früher von einer Haltestelle ab, als es der Fahrplan erlaubte. Protokolliert haben das die Satellitensender, die alle OVB-Transporter an Bord haben, bewertet hat’s NiO-Geschäftsführerin Anja Georgi bei der gestrigen Vorstellung des Mobilitätsberichts: „Vollkommen inakzeptabel“ – weil sicher nicht dazu geeignet, Kunden von Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs zu überzeugen. Deshalb gebe es in den Qualitätsstandards, die NiO und OVB vereinbart haben, auch keine Toleranz in Sachen „Verfrühte Abfahrten“.

87 Prozent aller Busse fahren genau oder fast exakt nach Fahrplan

Bei Verspätungen, die ja nun in aller Regel nur der Verkehrslage und nicht der Eile der Chauffeure geschuldet sind, herrscht mehr Großzügigkeit. Da verdirbt den OVB auch der Umstand nicht den Haken hinterm Qualitätskriterium, dass nur 87 Prozent aller Busse exakt nach Fahrplan oder innerhalb der zugestandenen Fünf-Minuten-Toleranz abfuhren.

Vergangenes Jahr trotz Toleranzen nicht erreicht: die gewünschte Sauberkeit in den Fahrzeugen vor und nach den Touren. Eine Stellschraube, an der die OVB mit der Beauftragung einer anderen Reinigungsfirma bereits gedreht und somit Hoffnung hat, dass sich im nächsten Mobilitätsbericht mehr Haken in der Qualitätstabelle finden. Mindestens einen mehr wird es bei den Fahrzeugmerkmalen geben. Denn auch in fahrgastarmen Zeiten fahren mittlerweile nicht mehr die ohne die für Rollstuhlfahrer und Kinderwagenbesitzer elementare Niederflurtechnik daherkommenden kleinen Busse der Firma Sonnenschein, sondern wieder normale Linienbusse. Schon im auslaufenden Jahr im Soll: die barrierefreie, also behindertenfreundliche Ausstattung der 330 Haltestellen; 90 Prozent von ihnen entsprechen dank spezieller Bordsteine und Blindenleitstreifen dem Standard.

Möglichst lückenlose Verschmelzung der Fortbewegungsglieder Bus, Bahn, Beine und Fahrrad

Dass die Statistik quasi schon überholt ist, sei den Strukturen des Nahverkehrs im Ballungsraum geschuldet, sagt Georgi. Der Aufsichtsrat des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV), zu dem sich Offenbach und weitere 26 Kommunen zusammengeschlossen haben, habe die Zahlen erst im November freigegeben. Und Vergleiche mit den Vorjahren würden auch schwerfallen, weil der noch druckfrische Mobilitätsbericht der erste überhaupt ist. Eine europäische Verordnung verlangt erst neuerdings, dass „Aufgabenträgerorganisationen“ wie die NiO einen jährlichen Gesamtbericht erstellen und veröffentlichen. „Wir tun das gerne und noch etwas mehr“, merkt dazu Bürgermeisterin Birgit Simon an, im RMV-Aufsichtsrat seit jeher die Vertreterin Offenbacher Nahverkehrsinteressen und Verfechterin des Ziels, mit der möglichst lückenlosen Verschmelzung der Fortbewegungsglieder Bus, Bahn, Beine und Fahrrad eine lange „Mobilitätskette“ als Alternative zum Auto zu schmieden.

Es ist eine schwierige Materie. Nicht, weil sich die Ansprüche der Kundschaft schwer identifizieren ließen. Da zählt der Bericht längst Angebote wie Beratungsservice in der Mobilitätszentrale und im Internet, Nachtbuslinien, Verstärkerbusse für Schüler und Anruf-Sammel-Taxen, per Handy buchbare Leihfahrräder und -autos mit und ohne Elektroantrieb, datenschutzrechtlich unbedenkliche Überwachungskameras in den Bussen, die zurzeit sehr bockigen Fahrzeitanzeigetafeln und die verlässlicheren Taschenfahrpläne. „Ein rundes Paket, das wir da anbieten“, stellt Georgi fest.

Nein, schwierig wird’s, weil die ÖPNV-Maschine im Rhein-Main-Gebiet von unzähligen kleinen und großen Zahnrädern angetrieben wird, die nicht leicht zu synchronisieren sind. Alleine die Finanzierungsstruktur ist ein Abenteuer. Einnahmen aus dem Fahrkartenverkauf müssen nach einem komplizierten Schlüssel an viele Beteiligte verteilt werden. Es gibt einzelne Kostenposten für Schienenverkehr, für Regional- und andere Busse, für Infrastruktur, für die OVB, für vieles andere. Unterm Strich steht dann ein Minus, das sich jährlich bei rund 6,6 Millionen Euro einpendelt. Ausgeglichen wird es von der Stadtwerke Offenbach-Holding (SOH), der unternehmerischen NiO-Mutter.

Aussagekräftiger für ÖPNV-Nutzer sind andere Zahlen. Etwa die 3,5 Millionen: So viele Kilometer sind die OVB-Busse vergangenes Jahr gefahren. Oder die 12,9 Millionen: So viele Fahrgäste gab es im gleichen Zeitraum. Und die 1200: So viele Jahreskartenabonnenten gab es.

Interessant, weil als Ungerechtigkeit empfunden, ist aktuell aber vor allem die 4,10: So viele Euro muss für eine Strecke zahlen, wer mit der S-Bahn den Tarifzonensprung von Offenbach nach Frankfurt macht. Birgit Simon hofft, das bisherige Wabensystem zum Fahrplanwechsel im nächsten Dezember endlich aushebeln und gegen die Berechnung des Fahrpreises nach tatsächlich zurückgelegter Strecke eintauschen zu können.

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