Noch eine Verkettung diverser Umstände

Offenbach - Nicht nur Pilze, ungeeigneter Untergrund, Trockenheit, Schadstoffe in der Luft oder tierische Schädlinge sind für Offenbachs Stadtbäume lebensbedrohlich. Auch Vorschriften und menschliche Unzulänglichkeit werden zum tödlichen Risiko. Von Thomas Kirstein

Offenbach vergisst wohl nie, wie eine Verkettung unglücklicher Umstände den Skandal um die ungenehmigte und überraschende Fällung von Wilhelmsplatz-Kastanien heraufbeschwor.

An der Ludwigstraße waren es nur zwei Platanen, die der Kettensäge zum Opfer fallen mussten. Aber auch da verketteten sich diverse Umstände auf nicht einfach nachvollziehbare Weise.

Zur Aufklärung muss der Fachmann ran, in diesem Fall Bauaufsichtsleiter Helmut Reinhardt. Der weiß, dass das Platanen-Ende seinen indirekten Ursprung in einer Änderung der Hessischen Bauordnung aus dem Jahr 1995 hat. Eine Änderung, mit der sich Reinhardt und seine Kollegen in anderen Städten nie anfreunden konnten: Um Baugenehmigungen zu erleichtern, wurde ein vereinfachtes Verfahren erfunden; seitdem reicht es in den meisten Fällen aus, wenn sich die Bauherren durch von ihnen beauftragte und bezahlte Fachleute die Erfüllung rechtlicher Vorgaben quittieren lassen. Die Bauaufsicht darf nicht mehr prüfen, ob es auch stimmt, was die Pläne angeben. „Der rechtstreue Mensch sorgt natürlich dafür, dass er rechtstreue Beteiligte hat und alles ordentlich erledigt wird“, sagt Reinhardt mit unüberhörbarer Ironie.

Platanen versperren Rettungswege

An der Ludwigstraße ging es um den Brandschutz für ein neues Mehrfamilienhaus. Eine „Nachweisberechtigte“ bescheinigte vorschriftsmäßige Rettungswege. Als das Haus stand, stellte sich jedoch heraus, dass es, weil zu hoch, in die höhere Gebäudeklasse gehört, in der strenger durch einen Gutachter geprüft werden muss. Und ein solcher stellte fest, es sei übersehen worden, dass zwei Platanen der Feuerwehr den Zugang zum Haus versperrten. Wie es im Fachjargon heißt, war „die Anleiterbarkeit von Wohnungen nicht gegeben“. Den unter diesen Umständen notwendigen zweiten Rettungsweg gibt es nicht. Ihn nachträglich herzustellen, wäre unverhältnismäßiger Aufwand gewesen, räumt Reinhardt ein: Jede Wohnung hätte um-, ein zusätzliches Treppenhaus angebaut werden müssen.

Mal zwei Bäume zu fällen ist schneller und billiger. So bezahlen, zum Leidwesen vieler Nachbarn, die mehr als 40 Jahre alten Platanen private planerische Nachlässigkeit. Das Umweltamt erteilte die Fällgenehmigung. Immerhin hat der Bauherr vom Amt für Stadtplanung und Baumanagement die Auflage bekommen, für Ersatzpflanzungen zu sorgen. Ob das allerdings an der Ludwigstraße möglich ist, ist offen.

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