Nur noch kurz die Stadt retten

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SPD-Querdenker Erich Strüb

Offenbach - Er ist nur einer von 71 und unter diesen einer von 19. Keiner aus der ersten Reihe, sondern räumlich betrachtet ein echter Hinterbänkler. Von Thomas Kirstein

Aber da er nach der Vorstellung seines Parteivorstands noch nicht einmal ein solcher hätte sein sollen, umweht die Person des Stadtverordneten Erich Strüb ein Hauch von sozialdemokratischer Exotik. Auch weil manche Genossen den Veteranen als Stachel im Fleisch der Fraktion empfinden dürften.

Vor der jüngsten Kommunalwahl hatten sie den Querdenker und -schießer aufs Altenteil abschieben wollen. Der damals 74-Jährige wehrte sich, verteilte Flugblätter, scharte einen Unterstützerkreis um sich, und die Wähler kumulierten ihn von Platz 40 der SPD-Liste auf Platz 6. Jetzt ist Herr Strüb also weiter dabei und keineswegs gewillt, schweigend das Hinterbänkchen zu drücken. Er äußert unverdrossen weiter ganz dezidierte Meinungen.

„Unterstützertreffen“ im Else-Herrmann-Haus

Die sind nun bewusst ganz und gar nicht bescheiden, wie deutlich rüberkommt, als er zum „Unterstützertreffen“ ins Else-Herrmann-Haus am Altenheim geladen hat. Der Kreis ist diesmal überschaubar, 20 Strüb-Freunde, größtenteils vom Arbeitnehmerflügel, darunter Weggefährten wie Ex-OB Wolfgang Reuter, Ex-Stadtverordnetenvorsteher Manfred Wirsing, Ex-Gewerkschaftsboss Erich Herrmann.

Der Stadtverordnete Strüb beschreibt das Klinik-Desaster rückblickend so eindringlich, wie er vorausschauend optimistisch die EVO zurück in komplett städtische Hand holt und die Stadtwerke umstrukturiert. Das eine wäre zu vermeiden gewesen, wenn man auf ihn gehört hätte, das andere vorteilhaft für die Stadt, wenn man denn jetzt auf ihn hörte. Der Erich, jetzt 75, würde gern nur noch kurz die Stadt retten.

Fraktionszwang kennt der Umtriebige nicht. Er hat als fast einziger Genosse schon gegen den Klinik-Neubau gestimmt. Er hat sich auch auf die Seite derjenigen geschlagen, die später den Verkauf verhindern wollten.

Privatisierung des Stadtkrankenhauses

Aus der Überzeugung heraus, dass die Privatisierung des Stadtkrankenhauses dem Versagen der örtlichen Politik allgemein entspringt, dass es gar systematisch, auch von maßgeblichen Genossen, bis zu dem Punkt herabgewirtschaftet wurde, dass es quasi an die Sana-Gruppe verschenkt werden muss. Die habe, von ihr errechnet, einen 500-Millionen-Wert erhalten, die Stadt dafür 300 Millionen Schulden mehr.

Der in ganz Offenbach bestens vernetzte Mann aus Tempelsee hat eine Vision, für die er beim Grünen-Bürgermeister Peter Schneider und beim Sozialdezernenten und SPD-Parteichef Felix Schwenke Sympathien zu entdecken glaubt. Nur der Genosse Oberbürgermeister Horst Schneider bewege sich nicht: Dem sage er immer, es reiche nicht, nach Frankfurt zu schielen. Er ist überzeugt, dass mithilfe von Kreis, Kreisgemeinden und über den Zweckverband Wasserversorgung (ZWO) das „hochprofitable, durchorganisierte Super-Unternehmen EVO“, Offenbachs wichtigster Geldbringer, zu 100 Prozent zurückgeholt werden könnte.

Er, Vorsitzender der ZWO-Verbandsversammlung, sei da schon in fruchtbaren Gesprächen mit Bürgermeistern und Kreisbeigeordneten. 100 Millionen, da ist Strüb sicher, müssten aufzutreiben, die Mehrheitseignerin MVV müsse dank auslaufender Konzessionsverträge verkaufswillig zu klopfen sein. Und dann könne man die Stadtwerke-Holding nach dem Strüb-Konzept umkrempeln in die Technischen Werke Offenbach und in eine Dienstleistungsgesellschaft.

Wenn die, die was zu sagen haben, sich vom Erich so überzeugen ließen wie die meisten seiner Unterstützer.

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