Noch nicht mal 112 gewählt

Offenbach - Leben retten ist normalerweise nicht sein Metier. Er kommt, wenn ein Leben zu Ende gegangen ist. Von Sabine Pérez Preiß

Anders am Samstag: Adrian Koriath (30), Bestattungsunternehmer aus Offenbach, der ein Geschäft an der Waldstraße führt, rettet einer Frau das Leben, indem er fachkundig Erste Hilfe leistet. Am Nachmittag verlässt er gegen 15.40 Uhr sein Institut, als eine Frau auf ihn zutaumelt und plötzlich das Bewusstsein verliert. Der junge Bestatter kann sie gerade noch auffangen, sonst wäre sie mit dem Kopf auf die Straße gestürzt. Fast zeitgleich erleidet die Frau einen Krampfanfall. Dutzende Schaulustige beobachten die Szene, aber keiner fühlt sich befähigt, den Ersthelfer zu unterstützen.

Nicht einmal der Bitte nach Absetzen eines Notrufs kommen die Umstehenden nach – zu spannend scheint ihnen die Szene und zu groß die Angst, etwas zu verpassen. So wählt der Beerdigungsunternehmer selbst die 112, um schnellstmöglich professionelle Hilfe für die Frau zu holen. Nur der Fahrer eines Autos mit Münchner Kennzeichen sieht die Bemühungen des Inhabers der Pietät, hält an und leistet gemeinsam mit Koriath Erste Hilfe, während bei den Gaffern schon erste Fotohandys gezückt werden.

Nach dem Ende des Krampfanfalls überprüfen die beiden Männer das Bewusstsein und die Atmung und stellen erleichtert fest, dass die Patientin atmet, aber bewusstlos ist. Völlig korrekt wird die Frau in die stabile Seitenlage gedreht und von den beiden Herren bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überwacht. Die Rettungsassistenten loben schnelles und richtiges Eingreifen der Ersthelfer und bringen die Patientin nach weiterer Versorgung ins Klinikum.

Auf die Frage, woher er denn so gut für Notfälle gewappnet sei, verrät Adrian Koriath: „Ich habe als Bestatter zwar eher mit Verstorbenen zu tun, aber ich finde es wichtig, Erste Hilfe leisten zu können. Daher besuche ich regelmäßig alle zwei Jahre ein Training. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit zu helfen, wenn jemand meine Hilfe braucht.“

Kein Verständnis für Gaffer

Von Berufswegen ist Koriath die Neugier seiner Mitmenschen gewohnt und bringt sogar ein gewisses Verständnis dafür auf. Kein Verständnis hingegen hat er für die Gaffer: „Zu sehen, dass die nicht mal bereit waren, ihr Handy für einen Notruf zu zücken, das hat mich wirklich erschreckt.“

Das Verhalten dieser Leute weckt ungute Erinnerungen an einen Fall vor gut drei Jahren, als ein Mann an der Ludwigstraße vor einem vollbesetzten Café einen Kreislaufstillstand erlitt und niemand bereit war, Hilfe zu organisieren. Hoffnungen in Rettungsdiensten, dass Lehren aus einer solchen Geschichte gezogen werden, wurden enttäuscht. Wären die beiden Männer nicht gewesen, hätte das Ereignis am Samstag tödlich ausgehen können.

Woran liegt es, dass die meisten Leute wegsehen oder statt zu helfen nur gaffen? Artur Przewloka (36), seit 13 Jahren im Rettungsdienst tätig, meint, dass Unsicherheit, aber auch zunehmend Ignoranz eine große Rolle spielen. „Die Menschen haben Angst, Fehler zu machen oder in etwas Unangenehmes hineingezogen zu werden.“ Nicht auszurotten sei das Gerücht, Ersthelfer müssten für Kosten des Rettungseinsatzes aufkommen. Doch immer noch bezahlen die Krankenkassen und nicht derjenige, der Hilfe anfordert.

In die Situation, für sich oder für Angehörige Hilfe zu benötigen, kann jeder kommen. Wäre es nicht ein gutes Gefühl, sich sicher sein zu können, dass Mitmenschen helfend einschreiten, statt wegzusehen oder sich gar am Leid zu ergötzen? Krampfanfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle, diabetische Notfälle, Stürze und vieles mehr schlagen oft und nahezu immer unvorbereitet zu. Die Gesellschaft wird immer älter und auch kränker. Die Chancen, zu einem medizinischen Notfall hinzuzukommen, steigen somit für jeden einzelnen: Alle Hilfsorganisationen bieten Kurse und Trainings in Erster Hilfe an.

Rubriklistenbild: © Stihl/pixelio.de

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