Noch nicht selbstverständlich

Nachgeforscht: Warum ist die Wahlbeteiligung in Offenbach so niedrig?

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Im Mathildenviertel ist die Welt zu Hause: Ihre Position zur Kommunalwahl bekunden Edmund Bensch...

Offenbach - Nicht einmal jeder zweite Hesse hat bei der letzten Kommunalwahl seine Kreuzchen gesetzt. Besonders bitter: Am niedrigsten war die Beteiligung in Offenbach. Aber warum? Journalisten begaben sich auf Spurensuche in der östlichen Innenstadt.

Mihas Dimitrios

Mihas Dimitrios winkt ab: „Ich habe keine Zeit für die Wahl“, sagt der griechischstämmige Kiosk-Besitzer im Mathildenviertel. „Ich arbeite sieben Tage in der Woche sehr hart“, lautet seine lapidare Begründung. „Das mach’ ich nicht“, antwortet eine 45 Jahre alte selbstständige Reinigungskraft auf die Frage, ob sie am 6. März ihre Stimme abgibt. Warum nicht? „Ich bin noch nicht so lange hier.“ Vor fünf Jahren sei sie aus Polen in die Lederstadt gezogen, die sich neuerdings gerne als Kreativstadt bezeichnet. Ihren Namen will die Frau genauso wenig nennen wie eine 22 Jahre alte Mutter: „Ich geh nicht zur Wahl, ich hab ganz andere Sachen im Kopf: Meine Tochter ist krank.“

Nirgendwo in Hessen war die Beteiligung an der letzten Kommunalwahl vor fünf Jahren so niedrig wie in Offenbach. Gerade einmal jeder dritte Wahlberechtigte gab in der fünftgrößten hessischen Stadt seine Stimme ab. Das waren deutlich weniger als im Landesdurchschnitt mit 47,7 Prozent. Eines der Schlusslichter war der statistische Bezirk Mathildenschule mit einer Beteiligung von 20,2 Prozent – ohne Briefwahl. Dort leben rund 8500 Menschen, wahlberechtigt (Stand 2011: 4224) ist etwa die Hälfte, der Ausländeranteil ist hoch. Mehr als jeder zweite Bewohner des Quartiers hat keinen deutschen Pass. Die meisten von ihnen kommen aus Bulgarien, Rumänien und der Türkei. Von den Deutschen hat etwa die Hälfte Wurzeln im Ausland.

Elvira Reichert

Zuwandererfamilien und Studenten der Hochschule für Gestaltung prägen den Stadtteil, in dem sich sowohl Wohnhochhäuser als auch alte Arbeiterhäuser finden. „Das Mathildenviertel ist auch einer der kreativen Hotspots der Stadt“, sagt Stadtsprecher Fabian El Cheikh. „Viel Wechsel gab es hier schon immer“, ergänzt Elvira Reichert, die seit 50 Jahren in dem Viertel lebt und in ihrer ehemaligen Spenglerei den Second-Hand-Laden für Kindermode „Bi-Ba-Bu“ betreibt.

„Erst kamen die Italiener, dann die Jugoslawen, dann die Türken und zuletzt die Bulgaren und Rumänen.“ Die 73 Jahre alte Mutter und Großmutter mag ihren Stadtteil: „Ich rede mit allen hier.“ Schon vor vielen Jahren habe sie zudem die „Bürgerinitiative östliche Innenstadt“ mitbegründet. Alle vier Wochen bietet diese im Gründerzentrum „Ostpol“ einen kulturellen Auftritt und sie pflanzt Blumen in öffentliche Beete.

Von Durchgefallen bis Gut: Noten für Wahlplakate

Die Offenbacherin Reichert macht auch selbstverständlich von ihrem Wahlrecht Gebrauch. „Wenn ich nicht hingehe, kann ich nicht meckern“, sagt sie. Rentner Edmund Bensch geht ebenfalls wählen. Warum er damit in seinem Viertel in der Minderheit ist? „Viele sind vermutlich enttäuscht und versprechen sich davon nicht mehr viel“, glaubt er. Möglicherweise gelte dies insbesondere für die Hartz-IV-Empfänger, von denen es einige im Viertel gebe. „Was soll sich für sie verbessern?“ Reichert glaubt: Kommunalpolitik sage auch vielen Zuwanderern wenig, die das Wahlrecht haben. Dazu komme das „komplizierte Kumulieren und Panaschieren.“

Malela LaGrace

Das sieht Malela LaGrace anders: „Ich versteh das“, sagt der Mann, der vor 24 Jahren aus dem Kongo nach Deutschland kam - und breitet einen großen, rosa-farbenen Muster-Stimmzettel aus. Zwischen Haarschmuck, Getränken, Filmen und Musik kündigt der Offenbacher Ladenbesitzer mit Blick auf den kommenden Wahlsonntag an: „Ich komme!“ Zum online-Briefwahlantrag: shuu.de/tet.

dpa 

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