Noch viel weicher als die Katze

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Was sonst aus konservatorischen Gründen verboten ist, war im Ledermuseum mal erlaubt: Teilnehmer der Sonderführung durften Gegenstände berühren.

Offenbach - Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Inge Fieberling-Mainusch. Sanft gleiten ihre Finger über die raue Haut des Krokodils, erfühlen jede Schuppe, erforschen jede Erhebung. Als sie die Zahnreihen ertastet, gibt sie die Haut erschrocken weiter. Von Veronika Szeherova

„Das ist ja grauenhaft“, ruft sie. Das Ozelotfell behält sie länger in den Händen. „Noch viel weicher als meine Katze“, findet die Frau. Korallenhai, Ochsenfrosch oder Riesenpython: Die Gruppe am Holztisch im Ledermuseum hat diese Tiere nie gesehen, auch keine anderen. Sehbehinderte und Blinde sind zur Führung gekommen. Mit den Händen gehen sie auf Entdeckungsreise. Anfassen ist ausdrücklich erlaubt.

Das ist im Sinne des Blinden- und Sehbehindertenbundes Hessen. „Wir wollen Barrierefreiheit“, sagt dessen Tourismusbeauftragte Sabine Lohner. „Das bedeutet, dass nicht nur Rollstuhlfahrer Rampen bekommen, sondern Sehbehinderte Gelegenheit haben, Museen zu entdecken.“ Audioguides sind eine Möglichkeit – besser sind interaktive Veranstaltungen. Die Führung ist für Lohner ein gelungenes Beispiel, wie’s funktionieren kann.

Material aus dem Fundus

Kunsthistoriker und Museumspädagoge Jens Lay hat kofferweise Material aus dem Fundus zusammengetragen. Das reicht von Tierhäuten und Fellen über Werkzeug bis zu Schuhen, Taschen oder Federschmuck. „Ich möchte, dass Sie die Vielfalt und Bandbreite von Leder kennenlernen“, sagt er der 15-köpfigen Gruppe. Die Exponate, teils Spenden oder Beschlagnahmungen aus der Asservatenkammer, stammen aus Europa, Nordamerika, Asien, Afrika und von den Inuit. Auch historische Gegenstände oder ihre Nachbildungen reicht Lay herum. „Ganz alte Originale und wertvolle Einzelstücke können wir nicht nehmen, die würden zu Schaden kommen“, erläutert er.

Ob fast untragbare Stelzschuhe aus Korea, chinesische Schnürschuhe, die Füße adeliger Damen klein hielten, oder Schnabelschuhe aus Europa, das Staunen ist groß. Auch über das Werkzeug, das einige ausprobieren: Ein scharfer Feuerstein gleitet mühelos durchs feste Rindsleder. Knochen wie ein Rehbein werden ebenso herumgereicht wie moderne Geräte zum Punzieren und Stanzen. Den getrockneten Tiersehnen, die zum Binden benutzt wurden, haftet ein besonderer Duft an. „Iiiih, das riecht wie Hundefutter“, ruft eine Teilnehmerin. Muschelketten und asiatische Schattenspielfiguren aus Ziegenpergament stoßen auf mehr Gegenliebe. „Wunderschön!“, so die einhellige Meinung.

Fellmütze mit Glasperlen, Adlerfedern und Pferdehaar

Besonders beeindruckt ist die Gruppe von einer prunkvollen indianischen Fellmütze mit Glasperlen, Adlerfedern und Pferdehaar. „Eine Beschlagnahmung vom Zoll, jemand wollte das aus Nordamerika einführen“, weiß Lay. Lange verweilt dieses Exponat bei jedem, auch bei Inge Fieberling-Mainusch. „Ich kann mir gut vorstellen, wie das aussieht“, sagt die von Geburt an blinde Offenbacherin. „Ein Blinder muss die Dinge anfassen, um sie zu verstehen, auch wenn es manchmal eklig ist. Aber da muss man durch...“

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