Hilfe soll direkt ankommen

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Auf Wunsch seiner verstorbenen Frau Helga hat Norbert Gunderlach mit dem gemeinsamen Vermögen aus 50 Jahren Ehe eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen.

Offenbach - „Ich bin ein waschechter Bieberer, meine Mutter war eine stadtbekannte Hebamme. Aber wenn wir im Ort unterwegs waren, haben alle nur meine Frau gegrüßt“, erinnert sich Norbert Gunderlach mit brüchiger Stimme. Von Jenny Bieniek 

Seine Frau Helga, geboren in Regensburg, verschlug es bereits in jungen Jahren nach Offenbach. „Sie hatte eine unglaublich menschliche Art und immer ein offenes Ohr für andere. Ihre Herzlichkeit haben in Bieber viele geschätzt“, sagt der 71-jährige Witwer heute und lächelt sehnsüchtig. Vor zwei Jahren starb seine geliebte Ehefrau im Alter von 69 Jahren an Lungenkrebs. Wohlwissend, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde, bat sie ihren Mann um Fortsetzung ihres Engagements nach ihrem Tod. Mit 500 000 Euro Startkapital gründete der Witwer daraufhin die Helga-Gunderlach-Stiftung.

Aufgabe und Zweck soll die unmittelbare Unterstützung von Menschen mit Behinderung und deren Familien sein. Dabei soll es vorwiegend um Aktivitäten und Freizeitangebote nahe am Menschen gehen. Ziel sei es, körperlich oder geistig Beeinträchtigten ein weitgehend normales Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Norbert Gunderlach weiß, wovon er spricht. Im Alter von acht Jahren erkrankt ihr einziger Sohn unerwartet an Enzephalitis, einer Entzündung im Stammhirn. Die Ärzte geben ihn kaum Überlebenschancen. „Von einem Tag auf den anderen war er wieder wie ein Baby. Er konnte nicht mehr laufen, sitzen, sprechen.“ Weil er beruflich viel unterwegs ist, kümmert sich zunächst seine Frau um die Betreuung des Sohnes. „So ist sie erstmals mit der Welt der Behinderten in Kontakt gekommen“, erzählt ihr Mann.

Helga Gunderlach.

Obwohl sie ihren Sohn zum Hochpäppeln schließlich schweren Herzens der professionellen Hilfe eines Internats anvertrauen, hält Helga Gunderlach engen Kontakt und engagiert sich weiter für Schwache und Hilfsbedürftige. Dabei agiert sie stets im Hintergrund. „Als Vorsitzende in der Zeitung stehen wollte Helga nie.“ Zwei Wochen lang sei sie mit MS-Patienten in die Lüneburger Heide gefahren und habe Rollstühle geschoben. „Nur als sie nachts in Frankfurt Obdachlosenstellen abfahren wollte, habe ich gesagt: Das ist zu gefährlich.“ Um seine finanziellen Mittel mit möglichst breitem Fachwissen zu verbinden, hat Gunderlach kompetente Berater um sich versammelt. Stiftungsvorstand Jürgen Großer ist Geschäftsführer des Vereins Behindertenhilfe, der mit Know-How und Förderungsvorschlägen unterstützt.

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„Zwar ist die Grundversorgung behinderter Menschen in der Regel sichergestellt, aber es geht um Abwechslung und Lebensqualität“, betont Großer. Vorsitzender des entscheidenden Kuratoriums ist Markus Gesser, weitere Mitglieder sind die Sozialdezernenten aus Stadt und Kreis, Felix Schwenke und Carsten Müller, Klaus Liedke („Lebensräume“), Karlo Uhlein (Raiffeisenbank) sowie Gunderlach selbst. „Natürlich gibt es tolle Stiftungen mit sehr viel mehr Geld, aber mir geht es auch darum, Anstoß für andere zu sein“, sagt Norbert Gunderlach, der auf weitere Unterstützer hofft. Viele Menschen seien bestimmt ebenfalls in der Lage, auf diese Weise Gutes zu tun. Der Sohn der Gunderlachs ist inzwischen 43, geht einer regelmäßigen Tätigkeit nach, lebt in einer eigenen Wohnung in Offenbach. Einmal wöchentlich schaut das Team des Betreuten Wohnens nach ihm. „Im Rahmen seiner Möglichkeiten führt er ein normales Leben“, so Gunderlach. Das erste Förderprojekt ist unterdessen bereits beschlossen: Die Helga-Gunderlach-Stiftung finanziert einem geistig behinderten Paar mit Kind im Sommer einen fünftägigen Bauernhofurlaub im Odenwald.

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