Stadtentwicklung

Ein Opfer des fälligen Wandels

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Der Pizzeria Il Bosco, seit mehr als 30 Jahren an der Ludwigstraße beheimatet, wurde der Mietvertrag nicht verlängert. Die Besitzer kämpfen gegen die drohende Räumung.

offenbach - Es gibt nur wenige Begriffe, die der Offenbacher Kommunalpolitiker derzeit so gern verwendet wie den der „Stadtentwicklung“. Von Matthias Dahmer 

Da schwingt in Zeiten ungeahnter (Wohn-)Bautätigkeit unbedingter Optimismus mit, das klingt nach Aufbruch in eine bessere Zukunft für die arg gebeutelte Stadt. Wenn sich diese grundsätzlich nur zu begrüßende Stadtentwicklung tatsächlich mit Leben füllt, offenbaren sich aber auch wohl unvermeidbare Konflikte.

Ein solcher muss derzeit im Nordend ausgetragen werden, wohin das neu entstehende Hafenviertel schon jetzt seine Strahlkraft entfaltet. Dort zwischen Andréstraße und Nordring, direkt gegenüber der Heyne-Fabrik, hat die Eschborner Aveo Real Estate GmbH schon 2012 den stark heruntergekommenen Wohnblock Ludwigstraße 187-197 gekauft. Das mit Blick auf die Hafenentwicklung sicher nicht ganz uneigennützige Ziel lautet: Aufwertung. Denn während das Gründerzeit-Gemäuer der Heyne-Fabrik längst Mode- und Werbeagenturen oder Softwarefirmen beherbergt, der angestrebte Wandel dort also angekommen ist, erzählen die Mietwohnungen in den Zweckbauten gegenüber eine Geschichte, die mancher gern hinter sich lassen möchte – die vom langsamen Abstieg des einstigen Arbeiterviertels Nordend.

Arbeiterviertel Nordend

Exemplarisch steht dafür der Wohnblock 187-197, nach Berichten von Anwohnern ein sozialer Brennpunkt, bei dem Handlungsbedarf bestand: So ist Aveo nach eigenen Angaben mittlerweile dabei, im Haus befindliche illegale Bordelle und Bettenlager rauszudrängen. Einem Spielcasino und einem Wettbüro wurden die Verträge mit dem Ziel gekündigt, dort Raum für Kreative und junge Unternehmer zu schaffen. Eine zentrale Satellitenanlage ist installiert, damit die Schüsseln auf den Balkonen verschwinden, der Spielplatz im Hof wurde saniert. „Die Liegenschaft soll guten und bezahlbaren Wohnraum bieten. Geplant ist nicht, wie fälschlicherweise unterstellt, das Gebäude zu entmieten, zu renovieren und dann wieder wesentlich teurer zu vermieten“, betont Aveo.

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Genau daran zweifelt besonders die Familie Di Gloria, welche seit mehr als 30 Jahren die Pizzeria Il Bosco in der Liegenschaft betreibt und ausziehen soll. Dabei sind die Fronten inzwischen so verhärtet, dass ein Prozess um die Räumung läuft. Aveo pocht darauf, dass der Mietvertrag ausgelaufen und nicht verlängert worden sei; die Pizzeria, wo in einem abgetrennten Nebenraum Geldspielautomaten aufgestellt sind, passe im übrigen nicht zum angestrebten Neustart für das Gebäude.

Die Di Glorias räumen ein, die Verlängerung des Mietvertrags sei von ihrem Anwalt versäumt worden. Aber die neuen Eigentümer hätten zunächst den Anschein erweckt, den Vertrag verlängern zu wollen, weshalb man sich – trotz entsprechender Angebote – nicht um einen anderen Laden gekümmert habe. Die Forderung des neuen Eigentümers, 100.000 Euro in die Renovierung der Pizzeria zu stecken, um bleiben zu dürfen, könne man nicht erfüllen, heißt es. Eine solche Vereinbarung gebe es nicht, sagt dagegen Aveo. Das sei schlicht gelogen.

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Der Ton ist sogar noch rauer geworden: Tochter Brunella Di Gloria hat eine Anwohnerinitiative gegründet, die linke Stadtverordnete Fiona Merfert hat sich in dem Streit vehement auf die Seite der Di Glorias geworfen, und die Aveo-Geschäftsführung will strafrechtlich gegen Bedrohungen von Eigentümer und Hausverwaltung vorgehen, welche Tochter Brunella via Facebook ausgesprochen haben soll.

Bei der Stadt hat man verständlicherweise das große Ganze im Blick. Das Nordend habe eine Aufwertung dringend nötig, sagt Stadtsprecher Matthias Müller. Gezielte Investitionen bewirkten schließlich auch Veränderungen im Umfeld. Zugleich ist er überzeugt: Die Aufwertung, die mit dem „kreativen Kleinod“ Heyne-Fabrik begonnen habe, werde im Zuge der Hafenbebauung ihre Fortsetzung finden. Müller macht aber auf einen Spagat in Sachen Stadtentwicklung aufmerksam. Das Nordend habe im positiven Sinn Kiez-Charakter, den es zu erhalten gelte. Schließlich gehe es darum, dass auch das neue Hafenquartier von der Lebendigkeit des alten Viertels profitiere.

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