Notaufnahme im Sana-Klinikum

Wo Notfälle Alltag sind

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Die Notaufnahme des Sana-Klinikums kennt keine Ruhezeiten. An 365 Tagen im Jahr sind Ärzte und Pfleger rund um die Uhr bereit, Erkrankte und Verletzte zu versorgen.

Offenbach - Serdar H. , 77 Jahre, männlich. Verdacht auf Allergie. Großflächige Absonderungen und Bläschen, wartet seit 15 Minuten. Max D. , zwei Jahre, männlich. Unwohlsein bei Kind, Temperatur von 38,5 Grad, noch im externen Wartebereich.

Konzentriert verschafft sich Dr. Daniel Kiefl einen Überblick über die anstehenden Fälle. Seine Schicht endet erst ins zwei Stunden. Seit vier Jahren leitet der 37-jährige Mediziner die Zentrale Notaufnahme (ZNA) am Sana-Klinikum. In deren „Herzstück“, dem Arztzimmer, laufen auf großen Bildschirmen alle Patienteninformationen zusammenlaufen.

20 Uhr: Blinkende Ampellichter auf einem der Monitore erinnern an eine Ankunftshalle am Flughafen. Sie signalisieren, dass ein Rettungsteam unterwegs zum Klinikum ist. Männlicher Patient, 49 Jahre, Hirnblutung. „b+“ steht für beatmet, „R-“ heißt „nicht reanimiert“. Erwartete Ankunftszeit: 20.29 Uhr. „Eine Verlegung aus Seligenstadt, weil sie dort keine Neurochirurgie haben“, erklärt Kiefl. Zum Transport wurde der Mann ins künstliche Koma versetzt. Weil die Diagnose bekannt ist, treffen Kiefl und seine Kollegen sofort erste Vorbereitungen im Schockraum. Er ist mit allem ausgestattet, was für eine Notfall-OP erforderlich wäre.

20.05 Uhr: In anderen Behandlungsräumen kümmert sich die Belegschaft um ein zweijähriges Mädchen mit Brühverletzungen, um eine ältere Dame, die im Seniorenheim gestürzt ist, den Vorfall aber zunächst verschwiegen hat und nun unter so großen Schmerzen leidet, dass das Rettungsteam sie einliefert. Und um das Opfer eines Auffahrunfalls, bei dem die Halswirbel zu röntgen sind.

20.20 Uhr: Vorm Schockraum wird es kurz hektisch. Die Diagnose des erwarteten Koma-Patienten hat sich als falsch herausgestellt. „Er wurde als Nicht-Trauma-Patient angekündigt, Frakturen am Kopf deuten aber darauf hin“, erklärt Kiefl nach einem Telefonat, während er zusätzliche Kräfte in den Schockraum ordert. In den Trubel gerät ein Herr aus dem Warteraum. Er bittet, den Sender auf dem Fernseher zu wechseln. „Heute läuft doch das Länderspiel...“

20.38 Uhr: Beim Seligenstädter wird ein Schädelbruch diagnostiziert, die Computertomografie soll klären, welches Ausmaß die Fraktur hat und ob das Gehirn Schaden genommen hat. Das Ergebnis entscheidet, ob eine Operation nötig ist.

20.55 Uhr: In Raum 12 spielt sich ein kleines Drama ab. Eine junge Türkin, 18 Jahre alt, ist in Begleitung ihrer älteren Schwester mit Unterleibsschmerzen in die Klinik gekommen. Schnell bewahrheitet sich der Verdacht von Schwester Karin Zwölfer: Schwangerschaft. Um das möglichst diskret zu besprechen, bittet sie die Begleitung nach draußen und gibt vor, die Patientin wegen Eierstockproblemen zum Gynäkologen zu schicken. „Für das Mädchen war es ein Schock“, erzählt sie später.

21.09 Uhr: Pflegerin Lara Gatzke beschriftet im Arztzimmer Blutproben-Röhrchen und schickt sie per Rohrpost ins Labor. Besonders eilige Proben kennzeichnet sie mit rosafarbenen Kappen. „Dann haben wir die Ergebnisse in ‘ner halben Stunde“, erklärt sie. Je nach Inhalt wählt sie verschiedene Plomben: Die für Blutproben sind rot, die für Dokumente und Medikamente gelb.

21.33 Uhr: Ein offenkundig alkoholisierter Mann trifft mit der Freundin im Schlepptau ein. Er war am Hauptbahnhof in eine Schlägerei verwickelt, bekam eine Flasche über den Kopf gezogen. Tiefe wunde am Kinn, Schnitt am Unterarm, Beule am Kopf. „Ich bin Typ-2-Diabetiker“, ruft er den Stationskräften entgegen. Auf den Hinweis einer Pflegerin, es könne noch dauern, reagiert der stark schwankende 46-Jährige ungehalten. „Mir ist schummrig, und mit ihnen red’ ich gar nicht. Ich will den Doktor sprechen!“ Schließlich geht er erstmal raus eine rauchen.

21.39 Uhr: Die Ambulanz fährt eine junge Frau vor. Sie hatte am Nachmittag Plasma gespendet, die empfohlenen Ruhezeiten ignoriert, war kurz darauf im Supermarkt zusammengebrochen und mit dem Kopf auf den Fußboden geprallt. Erinnern kann sie sich an den Sturz nicht. Eine Freundin begleitet die benommene Patientin. Verdacht: Gehirnerschütterung. „Ich glaube, Sie haben eine Nacht bei uns gebucht“, meint Schwester Karin zu der blonden Frau. Die scheint von ihrem Nachtquartier jedoch wenig begeistert: „Muss ich bleiben?“ „Naja, wir sind kein Gefängnis, würden Sie aber gerne zur Beobachtung hier behalten...“ Bevor sie zurück an den Schreibtisch geht, schickt sie umherstehende Angehörige einer nur leichtverletzten Patientin zurück ins Wartezimmer. Die Begleiterinnen gehorchen – sehr zur Verwunderung der erfahrenen Schwester. „Normalerweise geht sowas nicht ohne Diskussion“, erzählt sie, bevor sie einer alten Dame einen Rücktransport bestellt.

Wie werde ich ...? Notfallsanitäter

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21.45 Uhr: Schichtwechsel. Schwester Edith löst ab und wischt im Ablagebereich erstmal Krümel weg. „Inzwischen kann ich verstehen, wenn die Kollegen hier viel naschen. Manchmal braucht man wirklich starke Nerven“, sagt sie, lächelt, und stellt Eierwaffeln, Chips und Gebäckkränzel zur Seite.

22.31 Uhr: Schwester Kathrin bekommt den angestauten Frust einer Angehörigen ab, die seit drei Stunden auf ihren Mann wartet.

23.03 Uhr: Schwester Nancy sucht den Angetrunkenen mit der unstillbaren Blutung, der jedoch nicht aufzufinden ist. „Wenn er wieder auftaucht, ist er in Kabine 15 herzlich willkommen.“

23.07 Uhr: Nach Auffrischung seiner Tetanusimpfung wird die Kinnwunde des Bierfreundes mit zwei Stichen genäht. Für die Versorgung des Unterarms reicht Wundkleber. „Der Typ schuldet mir noch Geld, da hat er mich angegriffen“, erzählt er mit schwerer Zunge. „Wenn ich vorher nicht getrunken hätte, wär' mein Reaktionsvermögen besser gewesen.“

23.45 Uhr: Langsam kehrt Ruhe ein. Wer Dienst hat, hofft auf eine ruhige Nachtschicht. Etwa 20 Prozent der in Offenbachs ZNA aufschlagenden „Zu-Fuß“-Patienten gehören nach Schätzungen von Daniel Kiefl nicht zur eigentlichen Zielgruppe. „Das individuelle, subjektive Empfinden geht nicht immer mit objektiven, medizinischen Kriterien einher“, weiß er. Doch auch er kennt Diskrepanzen zwischen Wahrnehmung und Realität: „Gefühlt ist in der Notaufnahme jeder Mittwoch und jeder Freitagnachmittag schlimm. Laut Statistik sticht jedoch kein Tag besonders heraus.“

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