Notbremsung auf Kulturgleis

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Der Stahl von Thyssen-Schienentechnik rostet seit Dezember am Main, geschützt hinter einem Bauzaun liegend, in Spiralform gebogen vor sich hin. Spätestens im Oktober, heißt es, soll das Kunstwerk errichtet werden können.

Offenbach - Zwei Eisenbahn-Schienenstränge, die sich schraubenartig umlaufen, rosten seit Monaten am Maindamm vor sich hin. Anstatt als Kunstwerk an die Doppelhelix - die Struktur des in allen Lebewesen vorkommenden Desoxyribonukleinsäure-Moleküls - zu erinnern, gleicht das Ganze eher einem Schrotthaufen, den man versehentlich zu entsorgen versäumte. Von Thomas Meier

Doch bewahre: Die - noch - darniederliegende Kunst entspricht schlicht nicht den statischen Anforderungen, die am windigen Mainufer erforderlich sind.

Hinter der Hochschule für Gestaltung entsteht ein Areal, das sich „Kulturgleis“ nennt und damit das 300 Meter lange, ehemalige Industriegleis meint. Es besteht aus einem alten Güterwaggon, der für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird, verschiedenen Aktionsflächen und eben der Skulptur „Doppelhelix“.

Das Kunstwerk soll einmal aus einer 15 Meter hohen Gerüstkonstruktion bestehen, die sich gen Himmel streckt. Zwei gedrehte Eisenbahnschienen aus Stahl werden verbunden mit 2,60 Meter breiten Holzbohlen. Diese Holzbohlen werden mithilfe einer Fassung aus Stahlprofilen auf den Gleisen befestigt. Das Objekt wird bis etwa 2,30 Meter Höhe mit einem Stahlbetonsockel im Boden verankert. Die Fundamente werden in Stahlbeton gegossen.

Die Ideenskizze von Frank Flaskämper zeigt den alten Schienenstrang am Main, der einmal in der Doppelhelix enden soll.

Die dabei entstehende Spiralform soll an die Doppelhelix erinnern und somit das genetische Potenzial menschlicher Energie anzeigen. Thematisch verbindet die Skulptur zwei der größten technischen Revolutionen der Neuzeit: Die Eisenbahn und die Gen-Technologie. Außerdem gibt es Berührungspunkte zu der Idee der „Sozialen Plastik“ nach Joseph Beuys. Dieser Künstler nutzte die Begriffe, um damit seine Vorstellung einer gesellschaftsverändernden Kunst zu erläutern. Es schließt menschliches Handeln mit ein, das auf eine Strukturierung und Formung der Gesellschaft ausgerichtet ist.

Strenge statische Anforderungen

Im Dezember vergangenen Jahres wurden die verdrehten Schienenstränge angeliefert; spätestens zum jüngsten Rundgang der Hochschule für Gestaltung (HfG) vor eineinhalb Wochen sollte die Skulptur stehen. Doch gravierende Baumängel an den „Aushärtungsrandzonen“ machten dem einen Strich durch die künstlerische Rechnung. Wegen der Höhe des Kunstwerkes und des Standortes - am Mainvorgelände können hohe Windgeschwindigkeiten auftreten - greifen strenge statische Anforderungen, sagt Dipl. Ing. Hans-Joachim Bier-Kruse, Bereichsleiter Verkehrsplanung im Rathaus.

Die Idee zum Kunstwerk hatte HfG-Absolvent Frank Flaskämper. Sein Plan, die Skulptur an Ort und Stelle aus dem vorhandenen Schienenstrang zu biegen, musste verworfen werden, weil die Schienen zu spröde waren. Doch der Student und jetzige wissenschaftliche Mitarbeiter blieb am Ball. Thyssen Schienentechnik sponserte Schienenstränge mit dem gleichen Profil wie derer am Main, die in Holland von der Firma Sabikon zur Doppelhelix zurechtgebogen wurden.

Doch als das Ganze dreieinhalb Tonnen schwere Konstrukt jetzt zusammengebaut werden sollte, ergab eine Untersuchung mit Ultraschalltechnik, dass die Schweißnähte zu porös sind: „Nur 1,8-fache Sicherheit ist gegeben, fürs Aufstellen des Kunstwerks ist aber siebenfache Sicherheit erforderlich“, sagt Flaskämper.

Mehr als 70 000 Euro kostete das anspruchsvolle HfG-Projekt bislang, finanziert von der HfG, der Stadt und hauptsächlich von Sponsoren. Nun kalkuliert man mit weiteren Kosten von 20 000 bis 30 000 Euro für die neuerlichen Schweißarbeiten sowie einen Stützpfeiler, der - in der Erde verankert - dem Kunstwerk den nötigen Halt geben soll. Auch hierfür müssen Sponsoren gefunden werden, soll die Doppelhelix nahe des alten Güterwaggons im Oktober aufgestellt werden.

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