Notenbestand schrumpft

+
Beim Durchsehen der Notenwände entdeckt man Kostbarkeiten wie alte André-Noten zu Mozarts „Alla Turca“, die Elvira Wührl hier zeigt.

Offenbach ‐ Zeiten ändern sich, auch in Offenbachs Stadtbibliothek, 2005 mit dem „Hessischen Bibliothekspreis“ ausgezeichnet. 2009 erklärte Gudrun Kulzer beim Amtsantritt als neue Leiterin: „Bücher allein können‘s nicht mehr sein“. Gesagt, getan. Von Reinhold Gries

Nun lässt die organisatorisch geschulte Straubingerin alten Bücherbestand schrumpfen, zumal sie Platz braucht für ihre neue Teeny- und Elternbibliothek. Auch für Digitales und Virtuelles will sie ihr Haus, auch für die „Hessen Onleihe“, fit machen. In ihrer „Realbibliothek“ ist der mediale und gesellschaftliche Wandel mit Händen zu greifen.

Beim gar nicht konservativen Vorgänger Ernst Buchholz klang das 2007, zum Jubiläum „100 Jahre Stadtbücherei“, noch so: „Ich wünsche mir, dass die Stadtbibliothek kulturelles Zentrum bleibt“. Das unterstrich der Literatur- wie Musikbegabte mit Veranstaltungen im Bücherturm und besonderer Zuwendung an „seine“ Musikbibliothek, seit 1986 mit der Kinder- und Jugendbibliothek im Bernardbau verortet. Viele der heute rund 11 000 Musikmedien – Bücher, Noten, Auszüge und Nachschlagewerke – hatte er von Vorgänger Alfred Schwartz übernommen, um sie um neue Noteneditionen, moderne Lexika sowie CDs und Musik-DVDs zu ergänzen. Der Fundus hat einen Nachteil: Er wird weniger ausgeliehen als andere Bestände. Die „Umlaufzahl“, jährliche Ausleihfrequenz pro Buch oder Medium, lag 2009 in der Musikbücherei bei knapp Zwei sonst bei fast Fünf.

Musikabteilung wird weiterbestehen

Das hat Kulzer auf den Plan gerufen, die schreibt: „Es wurden sehr viele Medien gelöscht, da diese seit Jahren (bzw. Jahrzehnten) nicht ausgeliehen wurden. Im Rahmen unseres Budgets werden wir unseren Schwerpunkt in die Anschaffung von CDs im klassischen und Popbereich legen. Bücher und Noten im Bereich Musik gehen erfahrungsgemäß nur mäßig und können daher auch nicht in großem Umfang vorgehalten werden.“ Das ist Klartext, dem sie hinzufügt: „Die Musikabteilung wird mit Sicherheit auch in Zukunft weiterbestehen. Das gehört zu einer öffentlichen Bibliothek“.

Offenbachs Musikbibliothek ist auch ein Kulturwert, über Jahrzehnte entstanden in Kooperation mit (Jugend-)Musikschule und Volkshochschule. Der Bestand an Noten und Büchern zu Alter Musik, Klassik, Moderner Musik, Jazz, Folk- und Chormusik ist qualifiziert, ganz zu schweigen von klassischen Lehrwerken für Klavier, Gitarre, Flöte sowie diverse Kammer- und Hausmusik. Beim Durchsehen der Notenwände entdeckt man Kostbarkeiten wie alte André-Noten zu Mozarts „Alla Turca“ oder Karl-Heinz Stockhausens auf Folie aufgezogener Kompositionsauftrag für Darmstadts Neue Musik. Wie Offenbach Musikstadt sein kann, sah man im Mozart-Jahr auch in der Musikbibliothek, ein Mozart-Ausleihkatalog mit passender Buch- und Notenpräsentation führte zu vielen Ausleihen. Zum Chopin-Jahr 2010 strebt Brigitte Schmidt-Sattaf, die Ressortleiterin der Musikbibliothek, Vergleichbares an. Allerdings sind mangels Personal Zeiten vorbei, in denen Zettelkataloge zu Neuanschaffungen an Musik- und allgemeinbildende Schulen gingen.

Tanz- und Weihnachtsbücher gehen noch sehr gut

Aber Schmidt-Sattaf sowie Mitstreiterin Elvira Wührl zielen weiter auf schulische Musikleistungskurse, Musikgruppen aller Altersstufen, Musiklehrer und Chöre der Region ab. Und das mit modernen PC-Info-Stationen. Mit viel Aufwand halten sie die Titel verfügbar, auch wenn Wührl einschränkt: „In den 80er und 90er Jahren wuchs der Notenbestand erheblich, weil mehr Geld da war. Das ist vorbei. Tanz- und Weihnachtsbücher gehen aber noch sehr gut“. Und Schmidt-Sattaf fordert neben größerer CD- und DVD-Abteilung: „Musikalische Elementarerziehung muss weiter repräsentiert sein.“

Aber sie muss Musikalia als „veraltet“ dem Flohmarkt zuführen. Wichtige Noten landen, weil nicht ausgeliehen, im nicht direkt zugänglichen Magazin. Da wäre ein Freihand-Notenarchiv, vielleicht in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv, hilfreich. Damit OF-Internetwerbung gültig bleibt: „Die Musikbibliothek im Bernardbau ist ein beliebtes Ziel für Musikliebhaber, Musiker und Musikpädagogen. Ob Sie selbst ein Instrument spielen, endlich mal Klavier lernen wollen oder nur mal eine neue CD kennen lernen möchten, hier werden Sie fündig“.

Kommentare