Notwehr oder Kurzschluss?

+
„Wir schießen doch nicht grundlos auf Hunde“, sagt dagegen Polizeisprecher Ingbert Zacharias - unser Foto zeigt einen Staffordshire-Mischling, der ebenfalls zu den „Listenhunden“ gerechnet wird.

Offenbach ‐ Es ist eine jener Geschichten, bei denen wohl nie zu klären sein wird, wie es wirklich gelaufen ist. Eine Geschichte, die polarisiert und Stoff für Diskussionen bietet. Die eine Seite beklagt die überzogene Kurzschlusshandlung eines Polizisten. Von Katharina Platt

Lesen Sie dazu auch:

Angeschossener Hund gestorben

Die andere rechtfertigt sich mit dem angemessenen Schutz vor dem Angriff eines gefährlichen Hundes. Es ist die Nacht auf den 15. März, ein Mehrfamilienhaus an der Sprendlinger Landstraße. Gegen 2 Uhr klingelt es bei Hana Belik im zweiten Stock. Die Freundin ihres Sohnes drückt auf den Türöffner. Doch nicht etwa ihr Freund kommt die Treppe hoch, sondern eine Polizeistreife auf der Suche nach einem Verdächtigen.

Den treffen die Beamten nicht an. Stattdessen sehen sie sich Linda gegenüber, der Hündin der Familie, die durch die geöffnete Wohnungstür geschlüpft ist: ein American Staffordshire, offiziell ein „Listen-“, umgangssprachlich ein Kampfhund.

Kurz darauf liegt die neunjährige Hündin blutend im Treppenhaus. Eine Kugel, abgefeuert aus der Dienstwaffe eines Polizeibeamten, steckt in ihrer Schnauze. Wie es dazu kam, schildern die Polizei und die Hundehalterin unterschiedlich. „Nicht schießen!“, habe die Freundin des Sohnes gerufen, berichtet Hana Belik. Doch dann fielen zwei Schüsse. Noch kämpfen Tierärzte um das Leben des Kampfhunds. „Es sieht nicht gut aus“, berichtet das Frauchen unter Tränen.

Tier habe sich auffällig verhalten

„Wir schießen doch nicht grundlos auf Hunde“, sagt dagegen Polizeisprecher Ingbert Zacharias. Das Tier habe sich beim Eintreffen der Beamten auffällig verhalten. Bellend und zähnefletschend sei es auf die Polizisten zugekommen, beschreibt es der Beamte. „Die Kollegen sind davon ausgegangen, angegriffen zu werden.“ Sie hätten die junge Frau gebeten, den Hund zurückzuhalten, das sei ihr aber nicht gelungen.

Hana Belik ist sich sicher, dass ihr Hund kein aggressives Verhalten gezeigt hat. „Mein Hund tut nichts“, beteuert sie. Alle zwei Jahre absolviert sie mit Linda einen Wesenstest. In fast allen Bundesländern unterliegt die Haltung der Staffordshire-Terrier strengen Auflagen. Regelmäßig müssen sie eine Prüfung ablegen, die nachweist, dass sie sich nicht auffällig oder aggressiv verhalten.

Noch nie habe Linda aggressiv reagiert oder jemanden gebissen. Hana Belik wirft den Polizisten vor, übereilt geschossen zu haben: „Das war eine Überreaktion.“

Belik droht der Polizei mit Anzeige

Das Bild ihres Hundes, der sich das Blut von der Nase lecken will, bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Dass der Terrier nun in der Tierklinik liegt und dreimal operiert wurde, macht der Offenbacherin zu schaffen. „Ich hatte einen Nervenzusammenbruch“, erzählt sie.

Von den Beamten fühlte sich Hana Belik allein gelassen. „Niemand hat geholfen“, erinnert sie sich. Ob der Krankenwagen, der schließlich kam und das Tier zum Arzt brachte, wegen ihr oder wegen des Hundes gerufen wurde, weiß sie nicht. Mehrere tausend Euro kostet die Behandlung. Die Ärzte wissen noch nicht, ob Linda überleben wird. Hana Belik droht der Polizei mit Anzeige. Nicht nur ihr Hund sei zu Schaden gekommen - juristisch handelt es sich um Waffengebrauch gegen Sachen, sondern auch die Freundin ihres Sohnes. Die habe nach den beiden Schüssen unter Schock gestanden.

„Dem Kollegen kann kein Vorwurf gemacht werden“, betont Polizeipressesprecher Zacharias. Allerdings sei auch der Hund nicht schuld. „Das Tier hat natürlich reagiert.“ Die Besitzerin hätte dafür sorgen müssen, dass er nicht aus der Wohnung kommt. Wie Beamten auf einen Hund reagieren sollen, sei indes nicht Teil der Polizeiausbildung, erklärt er.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare