„Notwendiger Mindesthalt“

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Hermann Dorenburg.

Herrmann Dorenburg ist Leiter des Jugendamtes in Offenbach. Ralf Enders sprach mit ihm über vernachlässigte Kinder und Pflegefamilien.

Herr Dorenburg, wann sagt das Jugendamt: „Jetzt reicht's, das Kind muss raus aus der Familie?“ Können Sie hierfür Beispiele nennen?

„Jetzt reicht‘s“ steht für eine emotionale Reaktion, die einer rechtsstaatlich, professionell arbeitenden Institution nicht zusteht. Das Jugendamt hat Sachverhalte zu klären, die eine eventuell das Wohl der betreffenden Kinder gefährdende Lebenssituation möglichst zutreffend beschreiben. Zu klären ist, auf welche Weise gesichert oder erreicht werden kann, dass eine der Entwicklung der Kinder förderliche Situation erhalten oder wieder hergestellt werden kann. Dabei kommt auch eine zeitweise oder auch längere Unterbringung außerhalb des Elternhauses in Betracht. Sofern dies nicht mit der Einwilligung der Eltern zu erreichen ist, obwohl deren aktuelle Lebensumstände den Verbleib der Kinder bei ihnen nicht zulassen, entscheidet hierüber das Familiengericht und nicht das Jugendamt.

Beispielhafte Lebensumstände oder Verhaltensweisen von Eltern, die zur Fremdunterbringung von Kindern führen, beschreibe ich bewusst nicht, da diese höchst vielfältig wie unterschiedlich sind und Einzelbeispiele geeignet sind, einen Beitrag zur Stigmatisierung zu leisten. Ausgenommen sind Familienverhältnisse, die es notwendig machen, Kinder unmittelbar vor emotionaler wie materieller Verwahrlosung, Gewalt oder Übergriffen zu schützen.

Was sind die häufigsten Ursachen, dass Kinder zumindest vorübergehend nicht mehr in ihrer eigentlichen Familie leben können?

Im Kern ist es immer die gleiche Ursache: Die Eltern, Väter, Mütter verfügen nicht mehr über die notwendigen Ressourcen und Fähigkeiten, ihren Kindern emotional und materiell den notwendigen Mindesthalt zugeben, damit diese sich entsprechend ihrer Bedürfnisse und Möglichkeiten normal entwickeln können. Die Fremdunterbringung ist hier oftmals eine Entlastung zum „Kräftesammeln“ und zur Neuorientierung. Immer mit dem vom Gesetzgeber vorgegebenen Ziel der Wiederherstellung der Erziehungsfähigkeit der Eltern. Leider gelingt dies nicht immer. Sofern Missbrauch oder Gewalt im Spiel sind, steht der unmittelbare wie zuverlässige Schutz der Kinder im Mittelpunkt unserer Hilfen.

Pflegefamilien für kleine Kinder wichtiger Ersatz

Welche Bedeutung haben Pflegefamilien für Ihre Behörde?

Pflegefamilien können oftmals einen zuverlässigeren, beziehungsstärkeren und damit emotional sicheren Ort als Heime – stationäre Einrichtungen - zur Verfügung stellen. Insbesondere für sehr kleine Kinder oder solche, für die eine Rückkehr in ihre Herkunftsfamilien nicht zu erwarten ist, können Pflegefamilien das erfolgreich ersetzen, was die Herkunftsfamilie nicht geben konnte oder kann.

Wie oft kommt es in Offenbach pro Jahr zur Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien?

Im Jahr 2009 hatten wir im Jahresschnitt 45 Kinder in Vollzeitpflege. Derzeit sind es 50 Pflegekinder.

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