Film von HfG-Student

Nüchternes Bild von Selbstmord

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HfG-Student Oliver Rossol hat mit seinem Kurzfilm über den Suizid dreier Menschen ein gesellschaftliches Tabu aufgegriffen.

Offenbach - Zur Diskussion stellen, worüber sonst niemand spricht: HfG-Student Oliver Rossol will das Thema Suizid mit einem Kurzfilm aus der Tabu-Ecke holen. Von Khang Nguyen 

Szene aus dem 16-Minuten-Film: Nüchtern und sprachlos bereiten die Jugendlichen ihren Freitod vor.

Es ist eine bedrückende Atmosphäre. Drei Jugendliche fahren im Auto eine Straße entlang, immer tiefer in den Wald. Surreale Klänge untermalen das bewegte Schwarz-Weiß-Bild. Keiner der Protagonisten verschwendet einen Atemzug für ein einziges Wort. Irgendwo mitten im Nichts hält das Auto, die jungen Menschen steigen aus.  Zwei Jahre ist es her, seitdem Oliver Rossol seinen Film „Die Betrachtung der letzten Stunden dreier Menschen vor ihrem Suizid in einem Waldstück“ im Taunus gedreht hat. Die Handlung beruht auf dem Freitod dreier Mädchen zwischen 16 und 19 Jahren, den sie 2011 in einem Wald nahe Cloppenburg begingen. Wer an eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen denkt, irrt: Die Jugendlichen kannten sich nur aus dem Internet und verabredeten sich in einem Forum zum Selbstmord. So reisten sie, jede aus einer anderen Ecke Deutschlands, nach Niedersachsen, wo sie sich zum Tod durch Einatmen von Kohlenmonoxid in einem Zelt entschieden. 2013 entschließt sich der Offenbacher Rossol dazu, seinen Film auf die Plattform YouTube hochzuladen. Ein weiteres Jahr sollte es dauern, bis der Film mehr als 42.000 Klicks zählt und damit eine teilnehmerstarke Diskussion auf der Webseite und anderen sogenannten Suizidforen entfacht. Tabuthema Selbstmord: Wir haben uns mit dem 27-Jährigen über sein Werk unterhalten.

Herr Rossol, hatten Sie selbst schon Suizidgedanken?

Jeder, der in Büchern, Filmen, Musik oder der Zeitung über das Thema Suizid stolpert, spielt automatisch jedes Szenario durch; der „Suizidgedanke“ ist da, vielleicht nur für einen Bruchteil einer Sekunde. Aber das Fazit kann immer auch lauten: So etwas könnte ich nie machen.

Was sind es für Leute, die mit solchen Gedanken spielen?

Ich denke, es gibt grundsätzlich zwei Arten von Menschen. Einmal die Heranwachsenden, die in ihrer Art zu denken sehr extrem sind. Da gibt es nur das Gute oder das Böse, weiß oder schwarz, Leben oder Tod. Und dann gibt es eben jene Menschen mit Krankheiten, bei denen man wirklich sagen muss, und das zeigt meine Recherche, dass sie psychisch krank sind. Da denkt man nicht normal, sondern hat auf einmal andere Hormonverteilungen, die solche Gedanken entstehen lassen. Da kann man nicht einfach sagen: Mensch, das ist doch total irrational, was du da denkst. Man ist mit etwas konfrontiert, das man nicht selbst steuern kann. Dazwischen gibt es sicherlich auch Mischtypen.

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Ich habe einen Zeitungsartikel über diesen Fall gelesen, ohne dass ich es explizit recherchiert hatte. Wenn es eine Nachricht in der Zeitung ist, interessiert es grundsätzlich – jemand muss sich ja etwas dabei gedacht haben, diese Informationen reinzusetzen. Ich fand es interessant und habe erstmal nur darüber nachgedacht. Ich habe mir die Situation längere Zeit vorgestellt.

Was waren das für Gedanken?

Was ich an Medien und Nachrichten schon immer so interessant finde: Man hat ganz klar abgesteckt, wer was wann macht. Ist das recherchiert und belegbar? Später kommt das Gefühl auf, dass man irgendwie doch nicht wirklich informiert ist, sondern nur diese Illusion von Information hat. Man fragt sich: Was sagt man in einer solchen Situation? Gab es vielleicht weitere Details, die nicht im Artikel standen? Eben Dinge, die man auf der emotionalen Ebene finden würde...

... Sie meinen also die Tathintergründe?

Ich glaube, es ist zu einfach, dies als Hintergründe zu bewerten. Wenn man sagt, Person A hat sich umgebracht, das lag bestimmt an ihren schlechten Schulnoten die letzten Monate, dann sind das Hintergründe, die man in den Kontext setzt. Ich bin vielmehr der Überzeugung, dass es eher Sachen sind, die man nicht belegen kann oder eben erst erfragen müsste, wenn die Person noch am Leben wäre. Fragen, die jetzt nicht mehr zu stellen sind. Informationen, die ich nie herausfinden werde, und die Frage, wie ich das jetzt in meinem Kopf zusammenbauen kann. Wie kann ich eine Welt bauen, um nicht nachzustellen, aber nachzuvollziehen?

Warum haben Sie also den Film gedreht?

Wenn ich einen Film mache, soll er keine grundsätzliche Gültigkeit haben. Es ist ein reiner Gedankengang meinerseits, den ich verfilme und somit etwas ganz Persönliches und Subjektives wird. Ich wollte dieses Loch stopfen, das ich selbst hatte: Ich lese etwas in der Zeitung, brauche zu diesem ganzen Rationalen aber noch eine emotionale Unterfütterung. Quasi, damit man beide Ebenen übereinander legen könnte. So entsteht ein Gesamtbild. Das soll der Film bewirken: Er soll nicht nur Informationen ausdrücken, sondern bei Zuschauern auch Emotionen wecken und Gedankengänge erzeugen, die weitergehen sollen.

Ihr Film ist trostlos. Schwarz-Weiß, kaum Geräusche oder Musik, sehr nüchtern. Wie unterscheidet er sich von Ihren vorigen Werken?

Die Filme davor waren inszenierter und arbeiteten mit filmischen Mitteln. Dieser dagegen nimmt sich zurück und hat einen stärkeren dokumentarischen Charakter. Schwarz-Weiß wirkt immer historisierend, hier sollte es aber abstrahierend wirken. Es soll einerseits sehr nah sein durch die dokumentarische Form, zugleich aber herausnehmen, indem man etwa keine Namen nennt und nur Stereotypen agieren lässt. Jeder Zuschauer soll mindestens zu einem der Charaktere eine Verbindung aufbauen können.

Suizid im Wald wirkt sehr romantisiert. Goethes Werk „Die Leiden des jungen Werthers“ löste damals eine Welle von Nachahmungs-Suiziden aus...

Ein künstlerisches Werk hat immer die Macht, direkt zu ästhetisieren. Doch das ist nicht so. Nehmen wir zum Beispiel diesen Wald (blickt um sich). Für mich ist das ein forstwirtschaftlicher Betrieb. Genau das wollte ich auch im Film zeigen. Da führt eine Autobahn entlang, es wird mit Kettensägen gearbeitet. Wenn man das Bild vom Wald als Zufluchtsort verwirft, hat man ein ganz nüchternes Bild – so auch vom Suizid. Eben wie der Titel des Films. Er soll zeigen: Es ist keine große Sache.

Auf YouTube finden gerade heftige Diskussionen über Ihren Film statt. Was bezwecken Sie mit dem Film?

Ich will das Thema aus der Tabu-Ecke, dem Nichtsagen rausholen. Bei Veröffentlichung auf einer frei zugänglichen Plattform kann man die Thematik hervorheben und eine Diskussion ins Leben rufen. Warum wird nicht darüber geredet, obwohl sich jedes Jahr – auch in Deutschland – so viele Menschen für Suizid entscheiden? Ich möchte nicht, dass der Film eine bestimmte Position einnimmt, gleichzeitig soll kein Zeigefinger erhoben werden. Ich möchte weder für noch gegen den Freitod stimmen, sondern eine Diskussion entfachen. Wenn man nicht darüber spricht, sorgt das eher dafür, dass sich betroffene Personen immer mehr zurückziehen. YouTube als Projektionsfläche ist sehr interessant: Nur Personen, die wirklich an diesem Thema interessiert sind, suchen nach diesem Video.

Zwei Jahre sind seit der Produktion vergangen. Was sagen Sie zu den Kommentaren auf YouTube?

Es gibt die, die darin gar nichts sehen können, aber auch die, die es sehr interessant finden. Es hängt vom Betrachter ab, was er in dem Film sieht. Natürlich ist Resonanz immer das Ziel. Aber man macht den Film zuerst für sich. Erst danach möchte man, dass er gesehen wird.

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