„Nur jeder 3. Mobbingfall wird bekannt“

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Es gibt viele Formen von Mobbing in der Schule. Öffentlich bekannt werden oft lediglich Fälle, bei denen offene Gewalt im Spiel ist: Kinder werden von Mitschülern geschlagen oder getreten.

Offenbach ‐ Es gibt viele Formen von Mobbing in der Schule. Öffentlich bekannt werden oft lediglich Fälle, bei denen offene Gewalt im Spiel ist: Kinder werden von Mitschülern geschlagen oder getreten. Von Peter Schulte-Holtey

Teils noch nachhaltiger wirken aber Mobbing-Fälle, in denen es um Hänseleien und das Streuen von Gerüchten geht. Neue technische Möglichkeiten haben die Situation verschlimmert. Denn oft filmen oder fotografieren die Täter die Erniedrigung ihrer Opfer und verbreiten die Bilder anschließend blitzschnell über das Handy oder das Internet an unzählige Mitschüler. Der Spott ist dann groß. In allen Fällen sind die Folgen für die Betroffenen verheerend.

Neue Zahlen und Einschätzungen von Experten verdeutlich das Ausmaß des „täglichen Terrors“ an Schulen. Bis zu neun Prozent der Jungen und Mädchen seien Täter, fand der Psychologie-Professor Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin heraus. Und Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen geht davon aus, dass nur 30 Prozent der Mobbingvorfälle Lehrern und Eltern bekannt werden, „weil sich Schüler schämen, damit zu Erwachsenen zu gehen“. Mobbing gebe es in leichten Formen an jeder Schule und in vielen Klassen, nicht nur an der Hauptschule - auch unter leistungsstarken Schülern am Gymnasium, berichtet der erfahrene Schulpsychologe. Zudem sind viele Lehrer verunsichert. Harmlose Streitereien oder doch gezieltes Tyrannisieren über Wochen und Monate? Die Pädagogen sehen häufig Szenen, die sie nur schwer einordnen können.

Jeden Mobbingvorwurf ernst nehmen

Auch an den Schulen im Rhein-Main-Gebiet wird inzwischen verstärkt auf das Problem aufmerksam gemacht, die Suche nach rechtlichen Möglichkeiten und Wegen aus der Gewaltspirale intensiviert. Aus Sicht des Schulamts Offenbach sind die Schulen in der Region zuletzt sehr viel sensibler geworden - in Bezug auf die vielfältigen Erscheinungsformen des Mobbings. Vize-Amtsleiter Peter Bieniussa: „So wird vielfach von Schulleitungen bei Mobbing-Vorwürfen nachgeforscht, aufgeklärt und im Einzelfall werden Opfer unterstützt.“

Fortbildungsveranstaltungen zur Prävention und zum Umgang mit Mobbing seien durchgeführt worden. Die Psychologen des Schulamts haben nach Angaben von Bieniussa bereits in mehreren Fällen Mobbingvorwürfe, die an sie von Lehrern, Eltern und Schülern herangetragen worden waren, überprüft und Hilfen mit den Beteiligten erarbeitet. Grundsätzlich rät das Schulamt in Offenbach dazu, jeden Mobbingvorwurf ernst zu nehmen und ihn mit dem Ziel des Schutzes möglicher Mobbingopfer nachzugehen. Eine wichtige Hilfestellung gebe es dabei auch durch die Schulsozialarbeit.

Für den Schulpsychologen Seifried steht fest: „Die beste Prävention ist ein gutes Schul- und Klassenklima, ein Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Lehrern und konsequente pädagogische Maßnahmen, wenn Mobbingfälle bekannt werden.“ Auch müssten Eltern beraten werden, damit sie ihre Erziehungsverantwortung übernehmen können. „Und bei schweren Gewalttaten muss sehr schnell und konsequent von Polizei und Justiz reagiert werden.“

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