Jetzt besser keine Titeljagd

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IHK-Präsident Alfred Clouth moderierte die Diskussion mit OB, Kreativen und Industriellen. 

Offenbach - Ist die Erde rund? Die Nacht dunkel? Wasser nass? Es gibt Fragen, die sind von dermaßen rhetorischer Natur, dass der Fragende anderes im Sinn haben muss als nur ein schlichtes Ja. Mehr. Von Marcus Reinsch

So war denn auch die - als Feststellung mit Fragezeichen formulierte - Frage, die die Wählerinitiative „Wir für Horst Schneider“ über ihre jüngste Podiumsdiskussion schrieb, nur der Einstieg in ein handfestes, erfrischend selten ins Philosophische abrutschendes Standortbekenntnis. Aber trotzdem: „Industrie braucht Kreativwirtschaft?“. Richtig?.

Richtig. Sagt gleich zu Beginn der amtierende und nach dem Willen seines wohlorganisierten Fanclubs am 4. September vom Volk wiederzuwählende Oberbürgermeister Horst Schneider. Und sagen, was Schneider für verspätet eintreffende Zuhörer gerne noch einmal zusammenfasst, auch die ihm zur Seite gesetzten Diskussionspartner.

Das sind allesamt über jeden Verdacht des Schönredens erhabene Hochkaräter der Offenbacher Wirtschaft. Und wichtiger: Es sind nicht Überlebende des schmerzhaften Offenbacher Wandels von der Industrie- und Leder zur branchenmäßig mittlerweile breiter aufgestellten Stadt. Sondern mutige Macher, die sich von Offenbachs Ruf als verkümmerndes Pflänzchen im Schatten des übermächtigen Frankfurt nicht haben abschrecken lassen.

Viele bekannte Namen anwesend

Ekkehart Fischer ist da, Chef der zum Jubel der heimischen Wirtschaftsförderung nach Bieber-Waldhof umgesiedelten Stahlbau Fischer GmbH. Manfred Schultheis ist da, Mitgesellschafter des großen Vibrations- und Verfahrenstechnikspezialisten Vibra-Schultheis. Julian M. Flockton ist da, einer der Geschäftsführer der vor einem halben Jahr von Frankfurts einst hipper Hanauer Landstraße in die Offenbacher Heyne-Fabrik übergelaufenen Agentur Convecto New Media. Und Flocktons Heyne-Nachbar Thomas Kypta, Chef Kommunikations- und Designagentur „etage3“, ist auch da.

Und das reicht schon, um neben dem Ja auf die Frage nach segensreichen Wechselwirkungen zwischen nur auf den ersten Blick mit wenig Berührungspunkten versehenen Branchen einen dann doch überraschenden Standpunkt zu einem anderen Thema zu finden: Das bis zum Verschwinden einer ganzen Industrie als Lederstadt geschätzte Offenbach ist auf einem guten Weg, sich eine neue Identität zu erarbeiten. Und einen guten Ruf bei Investoren, ob nun aus der Industrie, die schnelle Baugenehmigungen schätzt, oder eben aus der Kreativwirtschaft, die existente oder angepeilte Leuchttürme wie Heyne-Fabrik, Hochschule für Gestaltung und Hafengebiet schätzt. Ob es dafür gleich einen neuen dekorativen Titel braucht wie Kreativstadt?

„Kreativstadt“, betonte der OB, sei ein Wort, das frühestens in zehn, eher 20 Jahren realistisch sei. Und übrigens eins, bei dem ihn noch niemand erwischt habe, weder in einer Rede noch im persönlichen Gespräch. Das hätten ganz andere in die Welt gesetzt.

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