Kandidaten im Endspurt

Offenbach - Wer dachte, die 16. und letzte Podiumsdiskussion der Kandidaten für das Oberbürgermeister-Amt bringe nichts Neues mehr, hatte sich getäuscht. Von Matthias Dahmer

Flugzeuge, die im Landeanflug über Offenbach bis zu 180 Meter tiefer sind als bisher, ungeahnte Einigkeit bei den Wegen aus dem Schuldensumpf, ein neuer Standort für ein Großprojekt und eine grüne OB-Bewerberin, die in noch nie gehörter Deutlichkeit Probleme mit Zuwanderern einräumt – in den anderthalb Stunden in unserem Medienhaus sind die vier Kandidaten kurz vor der Wahl am nächsten Sonntag immer noch für die eine oder andere Überraschung gut.

Doch bevor die inhaltlichen Details ausgebreitet werden, muss ein wenig Eigenlob über ein weiteres Novum schon sein: Haben sich doch Zeitungs- und Online-Redaktion der Offenbach-Post am Mittwochabend mit der Podiumsdiskussion auf Neuland gewagt. So konnte die Veranstaltung live am heimischen Computer verfolgt werden, bestand gar die Möglichkeit, via Internet-Dienst Twitter Fragen an die Kandidaten zu stellen.

Bilder der Live-Veranstaltung

Kandidaten im Kreuzverhör

Nun, die multi-mediale Premiere darf als gelungen bezeichnet werden. Bereits nach 20 Minuten muss Lokal-Chef Thomas Kirstein dem geladenen Publikum und dem souveränen Moderator Markus Terharn im zum Fernsehstudio umgebauten Vortragsraum verkünden: „Wir sind Opfer des eigenen Erfolgs geworden.“ Unter dem Ansturm derer, die sich die Live-Übertragung anschauen und twittern, ist – zum Glück nur kurzzeitig – unser virtuelles Mitmach-Angebot zusammengebrochen.

Die Kandidaten im Studio lassen sich dadurch nicht beirren. Erprobt in einem Wahlkampf, der mangels echtem Kampf die Wahl dem einen oder anderen am Sonntag schwer machen dürfte, sind sie trotz provokanter Themenstellungen kaum aus der Reserve zu locken.

Allein der amtierende Oberbürgermeister und SPD-Kandidat Horst Schneider macht mehrmals seinem Unmut über Aussagen seiner Kontrahenten Luft, was ihm, der von seinem Naturell her eher ein notorischer Optimist ist, aber dann doch nicht so recht gelingen will. Bürgermeisterin Birgit Simon, Kandidatin der Grünen, weicht im Gegensatz zu vorangegangenen Veranstaltungen keiner Frage aus, sieht die Lösungen der drängenden Probleme in der Stadt oft aus dem Blickwinkel ihres ureigensten Terrains, der Sozialpolitik.

Der Studioaufbau - 1. Tag

Live-Wahlkampf: Aufbau Podiumsdiskussion

CDU-Herausforderer Peter Freier betont im Gegensatz zu Schneider, er habe trotz desolater Finanzlage der Stadt immer noch einen eigenen Gestaltungsanspruch, räumt zur Zufriedenheit des amtierenden OB aber auch ein, Offenbach könne es am Ende nur schaffen, wenn das Land der verschuldeten Stadt unter die Arme greife.

Inhaltliche und optische Farbtupfer setzt der Hawaii-Hemd tragende parteilose Kandidat Uwe Kampmann. So etwa, als er eine Abspeck-Aktion für übergewichtige Offenbacher vorschlägt, deren Erlös Grundstock für den Bau eines neuen Schwimmbads sein soll.

Der Aufbau der Podiumsdiskussion im Zeitraffer-Video:

Tag 1

Tag 2

Ums Lebensgefühl in der Stadt, die viele Offenbacher nicht mehr als die ihre empfänden, geht‘s bei einer der ersten Fragen von Moderator Terharn. Er könne das Gefühl nachempfinden, sagt Horst Schneider. Doch bei einer Bevölkerung, die zu 53 Prozent einen Migrationshintergrund habe, sei das Thema bereits „qua Mehrheit entschieden“. Nun müsse man sich darauf einlassen und versuchen aufzuklären. Peter Freier stimmt dem Fragesteller zu. Auch er spüre das Unbehagen bei den Bürgern, die Leute erwarteten, dass die Politik das Problem anspreche. Birgit Simon kann das „Phänomen“ ebenfalls bestätigen. Die Frage sei, wie man damit umgehe. Sie nannte Bildung als einen der entscheidenden Aspekte. Uwe Kampmann sagt, er fühle sich in Offenbach grundsätzlich wohl, räumt aber auch ein, in manchen Ecken sei es dreckig.

Der Studioaufbau - 2. Tag

Live-Wahlkampf: Aufbau Podiumsdiskussion 2. Tag

Via Twitter kommt die Frage, ob es stimmt, dass die Frankfurter Kulturinstitution Batschkapp für zwei Millionen Euro den Hafen 2 habe kaufen wollen. Der OB kann das Interesse bestätigen, die Summe nicht.

Bei den Rezepten gegen die Finanzmisere, der Frage, wie die Schere zwischen 100 Millionen Euro Sozialausgaben und 38 Millionen Euro Gewerbsteuereinnahmen geschlossen werden kann, unterscheiden sich Kandidaten nur graduell. Schneider, Freier und Simon sind sich einig, dass es ohne Hilfe von außen nicht geht. Doch während der CDU-Kandidat zunächst Eigeninitiative unter anderem in Form einer besseren Ansiedlungspolitik anmahnt und Simon insbesondere bei der Gewerbesteuer-Verteilung auch die Region in der Pflicht sieht, setzt Schneider vor allem auf die Solidarinstrumente, also finanzielle Hilfe des Landes.

Den Vorwurf von Mitbewerber Uwe Kampmann, er zeige zu wenig Gestaltungswillen, lässt Schneider nicht auf sich sitzen. „Das bringt mich richtig in Fahrt“, sagt er und zählt Erfolge seiner Politik auf. Darunter das neue Batterie-Prüfzentrum von VDE, ein Sieben-Millionen-Euro-Projekt, das allerdings nicht mehr wie geplant auf dem Allessa-Gelände verwirklicht werde.

Ungesteuerte Zuwanderung und Nachtflugverbot

Vehement widerspricht Bürgermeisterin Simon der Ansicht, in Offenbach gebe es eine ungesteuerte Zuwanderung. Das sei alles gesetzlich geregelt und handele sich entweder um Familien-Zusammenführung oder Zuwanderung von EU-Ausländern. Dabei gebe es derzeit Probleme mit Bulgaren und Rumänen. Man versuche, die Schlüsselfiguren in diesen Gruppen zu finden. Peter Freier rät, die Fachkunde der Zuzügler zu überprüfen, die in der Regel hier ein Gewerbe anmeldeten.

Beim Thema Flughafenausbau und möglichen Beschränkungen für die Stadt sieht Simon die Funktion Offenbachs als Oberzentrum nicht gefährdet. Schneider hofft, mit der Menschenkette am 17. September ein „Fanal“ zu setzen, und vertraut im Übrigen auf den von der Stadt eingeschlagenen Rechtsweg. Auch Freier setzt sich für ein Nachtflugverbot ein, weil der Ausbaubeschluss doch nicht mehr zu kippen sei. Kampmann plädiert dafür, mehr Flugverkehr nach Hahn im Hunsrück zu verlagern. Waldemar Krug meldet sich aus dem Publikum und macht darauf aufmerksam, dass Flugzeuge derzeit bis zu 180 Meter tiefer als sonst über Offenbachs Süden donnern.

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