Ein Schönheitswettbewerb?

Offenbach - Wer sich für Kommunalpolitik interessiert, blickt nach dem Beteiligungs-Debakel vom Sonntag den Tatsachen ins Auge: Offenbach wird in den kommenden sechs Jahren einen Oberbürgermeister haben, den nicht deutlich mehr als zehn Prozent der Berechtigten gewählt haben werden. Von Thomas Kirstein

Wie berichtet, ging nur ein Viertel von rund 80.000, die gedurft hätten, an die Urne. SPD-Oberbürgermeister Horst Schneider (44,4 Prozent, 8863 Stimmen) und CDU-Herausforderer Peter Freier (35,3 Prozent, 7030 Stimmen) rüsten sich mit ihren Unterstützertruppen für den Endspurt bis zur Stichwahl am 18. September. Die Entscheidung, ob die Grünen eine Wahlempfehlung geben wollen, stand bis gestern Abend aus. Für ihre Kandidatin, Bürgermeisterin Birgit Simon, hatten sie sich ebenfalls Stichwahl-Chancen ausgerechnet. Jedoch blieb man mit 17,6 Prozent (3508 Stimmen) sogar unter dem Hoffnung auf mehr machenden Kommunalwahlergebnis von 22,1 Prozent.

Die Wahlbeteiligung bewegt sich in den einzelnen Bezirken zwischen magersten 7,8 Prozent in der innerstädtischen Schillerschule und überdurchschnittlichen 35,8 Prozent in einem der vier Rumpenheimer Lokale der Ernst-Reuter-Schule. Wie kaum anders zu erwarten, zeigen die Extrembeispiele den Trend: Die Beteiligung steigt mit der Entfernung vom Stadtkern. Allerdings ist der drastische Rückgang ein genereller, es sind keine Ausreißer-Bezirke dafür verantwortlich.

Auch die als aktiver geltenden Stadtteile sind wahlmüde geworden. Die Bieberer Bezirke bleiben durchweg unter 30 Prozent, in Bürgel schafft es nur einer von sechs darüber, in Rumpenheim liegt jedoch nur einer von fünf unter der fast schon sensationellen Drittel-Grenze.

Nicht vertreten im Bewerber-Quartett 2011 war die FDP

Betrachtet man die Stimmverteilung auf die beiden Finalisten, so hat der amtierende OB Horst Schneider in 68 der (ohne die Briefwahl) 79 Bezirke gezogen - zum Teil mit absoluter Mehrheit. Vorne liegt CDU-Fraktionschef Peter Freier außer in einem Lokal im Lauterborn und einem Leibnizschul-Bezirk in fünf von sechs Lokalen in Bürgel sowie in drei von zehn Bieberer und Waldhofer Bezirken sowie in einem von fünf Rumpenheimern. Dieses Zwischenergebnis darf als Überraschung gewertet werden, galten die ehemals selbständigen Stadtteile Bieber und Bürgel doch als feste CDU-Bastionen. 2005 hatte Unionskandidat Alfred Kayser denn dort auch fast durchweg gegen Schneider die Nase vorn. Zu bedenken ist auch, dass 2005 kein grüner Kandidat aufgeboten war

Nicht vertreten im Bewerber-Quartett 2011 war die FDP. Deren Vorsitzender, der Schul-, Ordnungs- und Sauberkeits-Stadtrat Paul-Gerhard Weiß, verzichtete - auch weil die Liberalen einen weiteren Wahlkampf finanzielle und personell kaum hätten stemmen können. So wird FDP-Fraktionschef Oliver Stirböck zum fast neutralen Beobachter. Er meint, dass wohl keine echte Wechselstimmung entstanden sei, weil die politischen Inhalte mehr oder weniger verwechselbar gewesen seien. Niemand habe „relevante alternative Problemlösungen“. Aus einer OB-Wahl werde ein „Schönheitswettbewerb“, wenn Unterschiede für die Öffentlichkeit nicht wahrnehmbar seien. Eine wenig polarisierte Situation nutze immer dem Amtsinhaber und motiviere nicht zur Wahl. „Andererseits ist der OB-Wahlkampf sehr fair verlaufen und es haben weder Schneider noch Freier und Simon in dieser Zeit eine schlechte Figur gemacht“, meint Stirböck.

Rubriklistenbild: © dpa

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