Ein bisschen wie in Brooklyn

Offenbach - So sieht für Uwe Kampmann ein perfekter Tag aus: einen heißen Café au Lait vor sich, die Zigarre in der Hand, etwas Leckeres zu essen und Sonnenschein pur. Von Sonja Thelen

An so einem Tag hält den parteilosen Oberbürgermeisterkandidaten nichts in dem Ein-Zimmer-Appartement, in dem er wohnt, arbeitet und das seine Galerie ist. Seit gut drei Jahren lebt der 61-Jährige nahe dem „Kulturkarree“, in einem Wohnblock in der Kirchgasse.

„Das ist mitten in der Stadt und trotzdem so ruhig und grün. Und ich habe eine große Auswahl an Cafés und Restaurants.“ Dass ihm das wichtig ist, wird beim Treffen im Café Firlefanz schnell deutlich. Gerade eben serviert ihm die Bedienung sein „verspätetes Frühstück“. Verzückt kommentiert er: „Hmmh, schön arrangiert. Knuspriges Knobibrot mit Paprika, Peperoni und Tzatziki.“

Er mischt sich gerne unter die Menschen. „An einem lauen Sommerabend gehe ich manchmal noch um zehn Uhr abends raus, hier in die Bar an der Ecke.“ Offen sein, auf die Menschen zugehen und neugierig bleiben: Das sind typische Eigenschaften von Uwe Kampmann. Die spiegelt auch sein untypischer Werdegang wider. Als junger Bub, geboren in der Altmark, siedelte er mit seiner Mutter aus der DDR in die BRD über. Zunächst kam er bei Onkel und Tante im Münsterland unter, ging auf eine katholische Grundschule, wurde dort von den Mitschülern als Kommunist beschimpft – Erlebnisse, die ihn ein Leben lang prägten. Zwar zog er bald mit seiner Mutter – eine Lehrerin – nach Duisburg, aber mit 17 Jahren brach er aus diesem Umfeld aus. Ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, tingelte er mehrere Jahre durch Europa, verbrachte zwei Jahre in Paris, lebte in Rom, schrieb sich dort an einer Schule ein. Aber „die Bundeswehr saß mir im Nacken.“ Nach ein paar Jahren kehrte er nach Deutschland zurück, machte den Wehrdienst und entschied sich für eine Ausbildung zum Krankenpfleger.

Boxer, Filmemacher und Schriftsteller

„Die Vorstellung, um 5 Uhr aufstehen zu müssen, schreckte mich dann nicht mehr ab. Ich wusste, das packe ich.“ Ein Job-Angebot der Farbwerke Hoechst verschlug ihn vor gut 35 Jahren nach Offenbach. Er schätzt die Menschen, die hier leben, und das multinationale Miteinander. Er mag die zupackende, freundliche, pragmatische und sehr hilfsbereite Art der Offenbacher. So wurde er auch Mitte der 70er Jahre willkommen geheißen, als er „mit nur einem Koffer Gepäck“ in die Lederstadt am Main zog.

Bis heute arbeitet Kampmann als Krankenpfleger, viermal im Monat übernimmt er in einer Einrichtung einen Nachtdienst. Aber vor allem lebt der Vater einer 29-jährigen Tochter seine kreative Ader aus: So hat er mehrere Bücher geschrieben, die - wie könnte es anders sein – überwiegend in Cafés entstanden sind und für die er sich auch schon mal eine berufliche Auszeit genommen hat, ist Filmemacher und Galerist.

Aber er hält sich auch fit. „Im meinem Alter muss man da schon aufpassen.“ Seit ewigen Zeiten boxt er. Bis vor zwei Jahren noch in der Boxhalle im Stadion am Bieberer Berg. Nun hält er sich mit Schattenboxen und Gymnastik in den eigenen vier Wänden beweglich, legt dabei Musik von Tina Turner oder Joe Cocker auf. Er geht ins Fitnessstudio, macht zweimal die Woche Nordic Walking am nahen Mainufer.

Ehrenamtliches Engagement beim Mittagstisch und in der Anti-Atomkraftbewegung

„Bis nach Bürgel und wieder zurück“, berichtet Kampmann und bekennt: „Offenbach ist meine Heimat, aber auch ein komisches Pflaster.“ Vor allem die Einkaufsatmosphäre mit diversen Ramschläden behage ihm nicht. Da er aber gerne bummelt, Menschen beobachtet, originelle Läden schätzt, gönnt er sich seit einigen Jahren einen „Wohlfühltag“. Und den verbringt er immer donnerstags in Frankfurt auf der Berger Straße. „Dann gehe ich die eine Straßenseite runter bis zum Chinesischen Garten im Bethmannpark, setz’ mich dort wohin, gehe in einem Restaurant etwas essen und dann die andere Straßenseite wieder hoch.“

Bei einem dieser Spaziergänge entdeckte er eine Menschenansammlung vor einer Kirche am Merianplatz. Man erklärte ihm, dass es dort einen „Mittagstisch für alle“ gebe. Kampmann nahm Platz und verspeiste eine „köstliche Kohlroulade, wie ich sie schon lange nicht mehr gegessen hatte“. Vom Pfarrer erfuhr er, dass noch ehrenamtliche Helfer gesucht würden. Kampmann fackelte nicht lange. Seither ist er donnerstags als Helfer beim Mittagstisch in der Christuskirche anzutreffen. Ein Engagement, für das die Gruppe mit dem Bürgerpreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet wurde, erzählt der 61-Jährige, der sich schon Anfang der 80er in der Anti-Atomkraftbewegung einsetzte.

Offenbach hat für ihn in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt. Als gelungen bezeichnet Kampmann vor allem den neu gestalteten Büsingpark mit dem Stadtcafé. Einer seiner Lieblingsplätze im Viertel. An schönen Tagen ist Uwe Kampmann hier anzutreffen, trifft Bekannte, sucht sich ein schattiges Plätzchen, liest – momentan eine Biografie über Johann Sebastian Bach – oder trifft sich mit Gleichgesinnten zum Boule. Während er die paar Schritte vom Firlefanz zur historisch geprägten Grünanlage schlendert, meint er ganz angetan: „Offenbach – das hat für mich etwas von Brooklyn“ - das urbane und pulsierende Wohnviertel von New York – abseits von Manhattan.

Rubriklistenbild: © Thelen

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