Offenbach vor der Stichwahl

Kommentar: Veranstaltung für wenige

In anderen Ländern gehen die Menschen auf die Straße, um endlich frei wählen zu dürfen, in Deutschland wird die aktive Demokratie immer mehr zu einer Minderheitenveranstaltung. Von Thomas Kirstein

Zumal in Offenbach: Dort nahm gestern gerade mal ein Viertel der Berechtigten das Recht wahr, mitbestimmen zu dürfen, wer die Stadt in den kommenden sechs Jahren repräsentiert. Der Abwärtstrend greift seit Jahren, die Direktwahl des Offenbacher Oberbürgermeisters war noch nie ein Massenereignis. Ebenso nicht die Kommunalpolitik, die Bürger eigentlich bewegen müsste, weil es um viele ihrer direkten Lebensumstände geht. Lediglich 33,8 Prozent der berechtigten Offenbacher machten am 27. März ihre Kreuzchen.

Betrachtet man sich die absoluten Zahlen des gestrigen Urnengangs, wirkt der Beteiligungs-Erdrutsch noch drastischer: 2005 stimmten 15.254 Offenbacher für Horst Schneider als neuen OB, den Amtsinhaber Schneider wollten nur noch 8863 bestätigen; 2005 vereinte CDU-Bewerber Alfred Kayser 13.779 Stimmen auf sich, Nachfolger Peter Freier kommt auf 7030.

Dennoch ist es müßig, jetzt über die Legitimation sowohl eines von so wenig Menschen gewählten Ortsparlaments wie die eines von einer Randgruppe bestimmten Stadtoberhaupts zu sinnieren. Maßgeblich sind nur diejenigen, die wählen gegangen sind. Jedem, der sich im Angebot keiner Partei wiederfindet und der sich mit keinem von vier Kandidaten anfreunden kann, hätte es frei gestanden, Unzufriedenheit und Protest mit einem demonstrativ durchgestrichenen Stimmzettel zu bekunden.

Nun ist aber zu befürchten, dass die Zuspitzung durch eine Stichwahl die Wahlmüden der selbst ernannten Kreativstadt nicht entscheidend aufwecken wird. Bei der Direktwahl-Premiere 1993 blieben beim zweiten Durchgang knapp 5000 Offenbacher daheim, die beim ersten noch brav ins Wahllokal marschiert waren.

Die Ahnung, dass es am 18. September ähnlich sein und eine blamable Beteiligung nochmals unterboten werden wird, macht einen Tipp für den Ausgang des Duells leichter. Das Ausscheiden der sich wohl ziemlich überschätzt habenden Grünen sollte sich für den vergleichsweise sanft wahlkämpfenden Titelverteidiger dank Wiederbelebung alter rot-grüner Freundschaft auszahlen. Der CDU mag man es hingegen nicht zutrauen, durch einen noch so aggressiven und trickreichen Kampagnen-Endspurt die Differenz deutlich zu verringern. Aber vor Überraschungen ist niemand gefeit - auch nicht bei einer Minderheitenveranstaltung.

Rubriklistenbild: © op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare