Die Insel im Wahl-Stress

Offenbach -  Die vier, die Oberbürgermeister bleiben oder werden wollen, mal ganz unpolitisch. Wir haben sie dort besucht, wo sie ganz Privatmensch sind. Den Auftakt macht heute Amtsinhaber Horst Schneider (SPD) in der Eigenheimstraße. Von Sonja Thelen

Einen Platz an der Sonne hat Charly gesucht und gefunden. Gemütlich hat es sich der 17 Jahre alte Kater auf dem Sonnenstuhl gemacht, er putzt ausgiebig sein graues Fell. Doch schon wird er verscheut, von seinem Herrchen, der jetzt selbst in seinem „Bürgermeisterstuhl“ Platz nehmen will. Horst Schneider streckt seine langen Glieder auf dem hölzernen Stuhl aus, entspannt sich einen Moment im Garten seines Hauses in der Eigenheimstraße.

Seine Mutter Liselotte hatte das solide Teil spendiert, als ihr Sohn zum Bürgermeister gekürt wurde. „Aber hast du mir eigentlich was geschenkt, als ich Oberbürgermeister wurde?“, wendet er sich spitzbübisch lächelnd an seine Mutter. Solche entspannenden Momente sind für Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider derzeit rar gesät. Der 4. September, der Tag, an dem die Offenbacher über ihr künftiges Stadtoberhaupt befinden, rückt näher. Urlaub ist in diesem Sommer nicht geplant. Nur ein verlängertes Wochenende verbrachte Horst Schneider mit seiner Frau Konstanze, die die Leiterin der Integrierten Gesamtschule Nordend in Frankfurt ist, in den Niederlanden.

Dennoch achtet der OB darauf, regelmäßig seine Familie zu sehen. Seit dem plötzlichen Tod seines Vaters Kurt vor 17 Jahren während eines Urlaubs auf Korfu ist das gemeinsame Essen im Kreis der Schneiderischen Familie am Sonntagabend ab 18 Uhr ein festes Ritual. „Das brauchen wir einfach, zwei, drei Stunden zusammen, um uns auszutauschen über alles, was in der Woche passiert ist“, sagt der 59-Jährige.

Der jüngste Zuwachs ist sechs Monate alt

Dann nehmen an dem ovalen Esstisch neben Horst und Konstanze Schneider die äußerst fitte Liselotte Schneider, die nur „wenige Meter entfernt im alten Teil der Eigenheimstraße“ lebt, der jüngere Sohn Moritz (28) und seine Partnerin Sara Hamai sowie der ältere Spross Hanno (30) mit seiner Frau Simone Platz. Der jüngste Schneider-Zuwachs, die sechs Monate alte Enkelin Lili, verschläft das muntere Geplauder – noch.

Feste Rituale prägen das Familienleben. So bereitet in der Regel Konstanze Schneider in der offenen Küche, die nur durch einen Tresen vom kombinierten Wohn- und Esszimmer getrennt ist, das Essen zu. „Wenn ich schon in der Küche stehe und koche, möchte ich schon mitbekommen, was so geredet wird“, stellt die Pädagogin klar. Die strikte Aufteilung der Zuständigkeiten hat vor allem damit etwas zu tun, „dass ich nicht kochen kann“, gibt Horst Schneider zu. Dafür räumt er danach die Küche auf.

Auch ansonsten packt der frühere Lehrer an. „Ich habe das Handwerker-Gen von meinem Vater und meinem Opa Fritz geerbt, der Lederarbeiter war.“ Auf dessen früherem Gartengrundstück, wo Apfel- und andere Obstbäume standen, verbrachte Klein Horst seine Kindheit und hörte den Jubel der Fans – unter ihnen auch Vater und Onkel - im nahen Stadion auf dem Bieberer Berg, wenn seine heiß geliebten Kickers das Tor trafen.

Schneiders leben seit 1980 im weißen „modernen Fachwerkhaus“

Heute steht an der Stelle das Schneiderische Familienhaus. „Meinem Opa standen die Tränen in den Augen, als wir hier anfingen zu bauen“, erinnert sich der gebürtige Offenbacher mit Bedauern in der Stimme. Seit 1980 leben Horst und Konstanze Schneider in dem weißen „modernen Fachwerkhaus“. „Im Juli sind wir einzogen. Ich war schwanger, und gerade mal zwei Räume waren fertig“, erinnert sie sich.

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Aber in den 31 Jahren ist ein gemütliches Heim entstanden, ein Refugium für Horst Schneider. „Sobald ich über die Türschwelle trete, überfällt mich mein Phlegma“, scherzt er. Trotzdem hat er genug in den eigenen vier Wänden zu tun. Wie etwa mit Hanno die neue Holzterrasse bauen – ein Geschenk zum 59. Geburtstag von Mutter Konstanze. Oder an den kalten Sommerabenden ein Feuerchen im neuen Holzofen entfachen. Oder die Wand neben dem Kamin in einem peppigen Rot streichen. Oder dreimal die Woche in den Keller steigen, wo der Crosswalker steht.

Noch vor dem Frühstück, das er für sich und seine Frau zubereitet und bei dem er dann die Offenbach-Post liest, absolviert der passionierte Sportler sein Fitnessprogramm. Aber es sei schon bitter, morgens nicht mehr über den Buchhügel joggen zu können, während die Sonne aufgehe. Das Aus als Läufer besorgte ein Knorpelschaden.

2500 Kilometer mit Fahrrad zurückgelegt

Der war aber kein Hinderungsgrund, seither gehörig in die Pedale zu treten. 2 500 Kilometer hat OB Schneider im vergangenen Jahr mit Elektro-Dienstfahrrad und rotem Klapprad zurückgelegt.

Einen Fernseher sucht man im Wohnzimmer der Schneiders vergeblich. „In 38 Jahren haben wir uns noch nie einen eigenen Fernseher angeschafft“, betont er. Ein älteres Exemplar, das seine Mutter ausgemustert hat, steht in der „Bibliothek“. Die haben sich die Eheleute unterm Dach eingerichtet. Und nachdem ihre Jungs ausgezogen waren und deren Zimmer frei wurden, „haben wir endlich unser erstes Schlafzimmer eingerichtet“.

Das andere ehemalige Kinderzimmer ist nun Gästezimmer, aber für Horst Schneiders Mutter vorgesehen, sobald die rüstige 85-Jährige sagt, sie könne sich nicht mehr selbst versorgen.

In der Bibliothek schaut Schneider ab und an die Sportschau. Zum Schmökern lädt das Korbsofa ein. Dass hier viel und ausgiebig gesessen wird, ist den Kissen anzusehen. Auf den Regalen türmen sich Bücher. Auch auf der Gästetoilette geht der Lesestoff nicht aus. Historische Romane, anspruchsvolle Krimis, Titel von T.C. Boyle zählen zu Schneiders Lieblingslektüre. In letzter Zeit ist der Beatles-Fan auch auf den Geschmack klassischer Musik gekommen. Und wenn er den Blick schweifen lässt, fällt der auf die Fotos seiner Liebsten. Mit viel Gefühl sagt er von seiner Frau und seiner Mutter: „Diesen Frauen habe ich zu verdanken, was ich im Leben erreicht habe und wo ich heute stehe.“

Rubriklistenbild: © Thelen

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