Spürbares Nordend-Leben

Offenbach - Die vier, die Oberbürgermeister bleiben oder werden wollen, mal ganz unpolitisch. Wir haben sie dort besucht, wo sie ganz Privatmensch sind. Heute zeigen wir den Besuch bei Herausforderin Birgit Simon ( Grüne ) in der Berliner Straße. Von Sonja Thelen

Es ist ein offenes, ein lebendiges Haus. Die Menschen, die in dem schönen Gründerzeitbau mitten in der Stadt an der Berliner Straße gelegen leben, sind füreinander da, helfen sich gegenseitig, tratschen miteinander, aber lassen sich auch in Ruhe, wenn gewünscht.

Birgit Simon schätzt diesen vertrauensvollen Umgang mit den Nachbarn. Als die Grünen-Bürgermeisterin, die Oberbürgermeisterin werden will, sich vor sechs Jahren mit ihrem Lebensgefährten Karl-Michael Stöppler auf die Suche nach einer neuen Behausung machte, hatte sie dieses Objekt sehr genau unter die Lupe genommen. „Ich war zu verschiedenen Tageszeiten hier, habe mit den Nachbarn gesprochen, das Viertel auf mich wirken lassen und mich dann entschieden.“

Eine Entscheidung, die sie nie bereut hat. Im Gegenteil. Sie schätzt die zentrale Lage der hellen, luftigen Fünf-Zimmer-Wohnung „mitten in der Stadt. Das ist sehr angenehm. Ich habe zwar ein Auto, bin aber nicht darauf angewiesen. Und ich bin in fünf Minuten zu Fuß oder mit meinem Elektrofahrrad in meinem Büro im Rathaus“.

„Möchte Leben spüren und fühlen“

Aber auch das Nordend als Viertel gefällt ihr, seine Urbanität, Originalität, Vielfalt und Internationalität. Ein Stadtteil, den immer mehr Menschen als attraktives Wohnviertel entdecken und sich dort eine Wohnung suchen. „Ich möchte das Leben um mich herum spüren und fühlen, das empfinde ich als bereichernd.“

Ein angenehmes Miteinander erlebt die 54-Jährige Tag für Tag in ihrem Haus. Hier herrscht keine trostlose Anonymität. Beispielsweise wird an sommerlichen Sonntagen gemeinsam im Hintergarten gegrillt. „Unsere grüne Oase“, sagt Simon über das lauschige Plätzchen, wo kaum ein Laut vom dröhnenden Straßenverkehr zu hören ist.

Es ist vor allem die griechische Familie aus dem Erdgeschoss, die den Garten hegt und pflegt. „Aber jetzt, wo die in Urlaub sind, gießen wir und mähen den Rasen. Das ist selbstverständlich.“ In den Garten zieht sich Simon schon mal für ihre Mittagspause zurück, um in Ruhe Akten zu studieren oder zu verschnaufen.

Die Politikwissenschaftlerin, die 2003 nach Offenbach kam, ist eine strukturierte Arbeiterin. „Wenn ich morgens gegen 9 Uhr ins Büro komme, habe ich schon einiges daheim erledigt, Unterlagen durchgeschaut oder Anrufe gemacht. Wenn ich dann da bin, wissen meine Mitarbeiter, jetzt geht es los.“

Einer ihrer Lieblingsorte in ihrer behaglichen Wohnung ist das Esszimmer mit dem großen runden mahagonifarbenen Esstisch. „Das ist unser Frühstückstisch, hier kommen wir mit unseren Freunden und Gästen zusammen.“

Sie ist die Regisseurin in der Küche

Wenn sie und ihr Lebensgefährte, der als Pressesprecher täglich zum Kreis Gießen pendelt, mal Muße für ein entspanntes Frühstück haben, kocht er die Eier. „Die kriegt er immer perfekt hin“, betont sie. Ansonsten, schmunzelt Karl-Michael Stöppler, sei sie die Regisseurin in der Küche: „Ich führe aus, erschließe mir aber immer neue Dinge, mache gerne auch mal die Saucen.“

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An diesem Morgen hat Freundin und Laufpartnerin Melanie Fischer da Conceicao am Tisch Platz genommen. Dreimal die Woche absolvieren die beiden mit ihrer Laufgruppe morgens um 7 Uhr ihre Laufstrecke nach Bürgel und zurück. Demnächst zieht die Freundin mit Mann und Zwillingssöhnen in die Wohnung unter Birgit Simon. Während die Frauen plaudern, hält die Bürgermeisterin Zwilling Leo im Arm. Er und Bruder Karlo sind als Frühchen auf die Welt gekommen, gerade mal 500 Gramm haben sie auf die Waage gebracht, verbrachten Monate auf der Frühgeborenenstation, mussten mehrmals operiert werden. Doch jetzt geht es stetig bergauf.

Die bisherige Wohnung wird zu klein, bald will Melanie wieder als Erzieherin arbeiten. Für Birgit Simon eine Menge Gründe, die junge Familie zu unterstützen. „Ich verstehe das gar nicht, wenn man sich als Familie abschottet und alles alleine schultern will. Ich habe immer in einer offenen Wohn- und Hausgemeinschaft zum Teil mit vier Familien gelebt, in der man sich gegenseitig geholfen und die Kinderbetreuung übernommen hat“, berichtet die Mutter einer Tochter (32) und zweier Söhne (29, 24), der es gelungen ist, Studium, Erfolg im Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Wichtig: Gemälde des Offenbacher Künstlers Oliver Raszewski

Neben den perfekt weich gekochten Eiern und frisch aufgebrühtem großblättrigen Schwarztee möchte Birgit Simon beim Frühstück auch nicht den Blick auf ein Gemälde des Offenbacher Künstlers Oliver Raszewski missen, das im Esszimmer hängt: ein Schacht in abgestuften braun-gelb-beige Tönen„ Ich liebe diese Perspektive“, schwärmt die Bürgermeisterin. Ein weiteres Lieblingsbild, diesmal von Antonio Marra, hängt in ihrem Zimmer. Ein gemütlicher, warmer Raum mit hohen Bücherregalen, bequemen Sofas und dem Schreibtisch, auf dem Birgit Simons ganz eigene Ordnung herrscht. Je nach Jahreszeit und Tageslichtverlauf verändern sich die Farben der Streifen auf dem Gemälde, was sie vor allem vom Charles-Eames-Chair aus gut beobachten kann, der direkt am Fenster steht.

Sie schätzt, über welches Potenzial an Künstlern und Kulturschaffenden Offenbach verfügt. „Das müsste Offenbach noch viel mehr für sein Image nutzen“, betont Simon, macht eine Pause, denkt kurz nach, sagt dann mit Nachdruck und einem Lächeln: „Ich bin in dieser Stadt heimisch geworden.“

Rubriklistenbild: © Thelen

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