Tom Odell begeistert in Stadthalle

Emotionales Hochamt

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Sein Weg führt nach oben: Tom Odell in Offenbach

Offenbach - Der Noch-Geheimtipp für alle Freunde des hinreißenden Old-Fashion-Sounds. Von Peter Müller 

Ein ziemlich weiser junger Brite von Anfang 20 lebt in der Offenbacher Stadthalle seine Songs über große Gefühle, Liebes-Tristesse, Lebensfreude oder das gemeinsame Altweden mit Haut und Haar und viel Seele. Nebenbei spendiert er dem „Offenbäcker“ Publikum eine eigene Ode und bearbeitet die Klavier-Tasten so beängstigend gut, dass Vergleiche mit Elton John oder Billy Joel gar nicht mehr weit hergeholt scheinen. Tom Odell ist einziger Glücksfall für das Musikbusiness.

Tom wer? Die Frage darf man durchaus stellen, wenn man nicht gerade mal das Vergnügen hatte, in ein Konzert des 23-jährigen Wunderkindes zu stolpern, die letzte „Brit Awards“-Verleihung zu verfolgen oder der verführerischen Singer/Songwriter-Untermalung der Telekom-Werbung auf den Grund zu gehen. Klar, das blonde Bubi-Gesicht aus dem südenglischen Chichester ist ein veritabler Newcomer - allerdings einer, der seit gut zwölf Monaten zumindest in Britannien „on fire“ ist. Er hat den „Critics’ Choice Award“ abgeräumt, Elton John auf dessen „Burberry“-Tour begleitet und mit seinem bejubelten Debütalbum „Long Way Down“ ein emotionales Hochamt gefeiert. Das tut er mit seiner dreiköpfigen Band (Max Cliverd/Gitarre, Matt Ingram/Drums, Max Goff/Bass) nun auch in der bestens besuchten Stadthalle, wo sich Fans aus zwei Generationen an Songs wie „Another Love“, „Sense“, „Can’t Pretend“ oder „Grow Old With Me“ kaum satt hören können. Vielleicht, weilseine Musik so ehrlich, leidenschaftlich, authentisch und gegen alle Trends gebürstet wirkt. Vielleicht, weil vieles in dieser Show ungekünstelt, unperfekt, aber eben unglaublich echt wirkt.

Geradlinige Karriere

Vielleicht auch, weil seine selbst komponierten Stücke so persönlich, so verletzlich sind, seine Stimme so wandelbar ist, sein Sound roh - und es da oder dort immer mal knarzt, wackelt und vibriert. Man kann es aber auch auf die Formel verknappen: Tom Odell liebt seine Musik. Er lässt das in jeder Sekunde seines 75-Minuten-Sets spüren - ohne ins Dauer-Melodram zu driften. Im Gegenteil: Odell tobt sich aus. Sein Klavierspiel ähnelt einem Marathonlauf durch eine Berg-und-Tal-Landschaft, seine Haare fallen schweißnass ins Gesicht, er keucht und atmet schwer, wippt bei aller Konzentration auf seinem Hocker wie ein hyperaktiver Schuljunge herum.

Nur eines suggeriert er nie: dass diese randvoll mit Emotionen bepackte Performance in irgendeinem Moment kalkuliert oder gar inszeniert ist. Wer Nummern wie „Sirens“, „Hold Me“ oder das bluesig groovende „Honky Tonk“ derart ekstatisch, fast der Szenerie entrückt abbrennt, kann das nicht schauspielern. Tom Odell ist - er gibt nicht vor, zu sein. Man mag das als Ergebnis seiner gar nicht gradlinigen Karrierekurve interpretieren. Bevor er in der winzigen Kammer einer Kunstgalerie in Klausur ging und „Long Way Down“ fertig schrieb, gab es kräftig auf die Hörner: An der Uni für Popmusik/Liverpool wurde er abgelehnt, er tingelte in Clubs oder Bars und sein bester Kumpel schmiss ihn aus der gemeinsamen Band. Jetzt aber scheint er dort, wo er hingehört - auf dem Weg nach ganz oben. Großer Applaus.

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