Finanzen des OFC

Ein Berg voller Sorgen

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Die neue Kickers-Ära im neuen Stadion beginnt unter erschwerten Voraussetzungen.

Offenbach - Der OFC und seine Fans sind stolz aufs neue Stadion. Das Lob, das der Bau einheimst, ist berechtigt. Doch nach dem fröhlichen Einweihungs-Kick gegen Leverkusen graut erbarmungslos der Alltag. Von Frank Pröse

Zum Saisonstart der 3. Liga mehren sich die Sorgen, dass dem Verein die Kosten rund um das von der Bauherrin, der städtischen Stadiongesellschaft, gemietete neue 25-Millionen-Euro-Schmuckkästchen auf dem Bieberer Berg über den Kopf wachsen könnten.

Bayer-Sportdirektor Rudi Völler hat gemahnt: „Es bringt einem ja nichts, wenn man ein Topstadion hat, es aber nicht bezahlen kann. Die laufenden Kosten fressen einen oft auf.“

Bei den Kickers will der langjährige Macher Thomas Kalt nicht mehr Geschäftsführer der Profi-GmbH sein, Dieter Müller nicht mehr Präsident. Ihre designierten Nachfolger Jörg Hambückers und Dr. Frank Ruhl müssen nicht nur mit einigen Altlasten umgehen, sondern auch das generelle Problem der 3. Liga schultern: Da halten die finanziellen Möglichkeiten mit dem sportlichen Niveau nicht Schritt. Die Offenbacher werden Hans Kessler, Präsident von Darmstadt 98, kaum widersprechen, der eine große Gefahr sieht: „Da der Absturz in die fünfteilige Regionalliga für viele Vereine tödlich wäre, werden viele an ihre Grenzen gehen. Das kann schnell in einem Desaster enden.“

DFB-Vorgaben lassen sich nicht finanzieren

Kickers Offenbach steckt genau in dieser Zwickmühle. Die anspruchsvollen Vorgaben des DFB lassen sich nicht über die Vermarktung einer Drittliga-Mannschaft finanzieren. Ohne massives Sponsoring geht nichts. Das betrifft selbst den Stadion-Neubau, der ja auch aufgrund von DFB-Vorgaben notwendig wurde. Da sind das Land und die klamme Stadt eingesprungen. Es wird nicht gern an die große Glocke gehängt: Aber nur die Kommune und die Mitglieder des Senatorenpools retteten dem OFC die Lizenz. Auch wegen der Spieler-Gehälter und fälliger Rechnungen mussten Brieftaschen gezückt werden.

Auf eigene Einnahmen können die Kickers weniger bauen: Die 400 000 Euro des Hauptsponsors EVO sind als Sicherung im Mietvertrag an die Stadiongesellschaft abgetreten, ebenso die Rechte für die Verpflegungsstände auf dem Bieberer Berg. Einnahmen aus der Vermietung der Logen fließen ebenfalls nicht in die Vereinskasse: Die sollen als Sicherung für eine 360 000-Euro-Finanzspritze an die Stadttochter abgetreten worden sein.

Bilder von den Spielern, Trainer und Betreuer

OFC: Spieler, Trainer und Betreuer der Saison 2012/2013

Im Frühjahr schon kreiste nach unseren Informationen der Pleitegeier über dem Bieberer Berg. Im Interview mit der Redaktion stritt der damalige Geschäftsführer Kalt jegliche Insolvenzgefahr ab. Später informierte er Oberbürgermeister Horst Schneider über die angespannte finanzielle Situation – bei gleichzeitig unbefriedigenden Einnahmen. Es drohte eben doch die Zahlungsunfähigkeit. Kalts Sorgen: Für die Lizenz musste bis zum Stichtag 1. Juni Liquidität nachgewiesen werden. Er selbst verzichtete auf sein noch ausstehendes Gehalt. Dennoch fehlten nach unseren Informationen noch 640 000 Euro. Der Senatorenpool sprang ein.

Mehr über das Stadion in unserem Stadtgespräch

Kalt konnte die Spielergehälter für den Mai nicht zahlen. Zudem musste eine Steuerschuld von 120 000 Euro beglichen werden – auch eine Voraussetzung für die Erteilung der Lizenz für 2012/13. Die Stadiongesellschaft Bieberer Berg sprang für 250 000 Euro ein und erhielt dafür weitere Werberechte im Stadion, die ansonsten der Kickers-Profiabteilung hätten Einnahmen bringen können.

Die Stadtwerke Holding als Konzernmutter handelte im eigenen Interesse: Bei einer Insolvenz, mit der sich OB Schneider nach eigenen Angaben fast schon abgefunden hätte, wäre die Stadt ihren einzigen Mieter fürs Stadion los gewesen. Zudem wären alle Sponsorenverträge fürs Stadion hinfällig geworden. Die 500 000 Euro im Jahr für die Namensrechte zahlende Spardabank, so heißt es, hätte aussteigen können. Der Schaden wäre für die Stadt teurer geworden als die immerhin durch Werbe-Euros relativierte Hilfeleistung.

Gerüchte halten sich hartnäckig

Es lässt sich erkennen, dass die Stadt als Stadion-Besitzerin mit nur einem Mieter erpressbar ist. So gerät sie immer mehr in einen Strudel, den die chronische finanzielle Unterdeckung auf dem Bieberer Berg verursacht. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass die mit den Kickers vereinbarte Miete schon reduziert wurde – mit der Abmachung, dass ab 2013/14 in der 2. Liga eine höhere Miete gezahlt wird.

Da nun aber auch das Geld vom Hauptsponsor EVO und andere Einnahmen abgetreten sind, stellt sich die Frage: Wie soll der OFC die neue Saison finanziell durchstehen? Die Hoffnungen ruhen auf der neuen Führungsriege. Den noch zu wählenden Präsidenten Dr. Frank Ruhl schrecken die Zahlen nicht, wie er sagt. Er sieht vor allem das Marketingpotenzial bei weitem nicht ausgereizt und will den seiner Meinung nach bei Wirtschaftsvertretern ramponierten Ruf der Kickers aufpolieren. OB Schneider setzt jedenfalls auf Ruhl, auf dessen Wirtschaftskompetenz und gute Beziehungen zu potenten Sponsoren. Die Stadt kann nicht mehr helfen als sie es schon getan hat, denn das war schon grenzwertig.

Lesen Sie zum Rücktritt Kalts:

„Zeit etwas Neues einzuläuten“

In dieser Hinsicht ist aus dem Jahr 2010 nachzutragen: Knapp 400 000 Euro verlangte damals der OFC erfolgreich für frühere Investitionen ins alte Stadion. Der Verein macht damals unter anderem die sanierten Umkleidekabinen sowie die Rasenheizung gegenüber der Stadt geltend. Die Rasenheizung aber hatte das Land Hessen längst bezahlt. Was die Stadtverordnetenversammlung nicht davon abhielt, noch einmal Steuergeld locker zu machen.

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