Platzwart von Kickers Offenbach

Wolfgang Böttge: Der mit dem grünen Daumen

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Der Aufsitzrasenmäher, mit dem Platzwart Wolfgang Böttge den heiligen Rasen im Stadion Bieberer Berg kurz hält, ist ein etwas anderes Kaliber als das, was mancher im heimischen Garten einsetzt. Dienstkleidung in Kickersrot mit OFC-Logo ist für den Fußballfan Ehrensache.

Offenbach - Unter der Haupttribüne schlägt das eigentliche Herz des Sparda-Bank-Hessen-Stadions. Es ist das Reich des Platzwarts Wolfgang Böttge. Die Wände seines Büros erzählen Geschichten. So manch einer hat dort sein Herz ausgeschüttet oder sich Rat geholt. Von Katharina Skalli

Böttge hat im Stadion auf dem Bieberer Berg schon viele kommen und gehen sehen: Spieler, Trainer, Präsidenten und Zuschauer. Er aber ist eine Konstante und gehört zu der regionalen Kultstätte wie das Rot-Weiß des Vereinslogos oder das Flutlicht. Seit gut 40 Jahren ist er Kickers-Fan und seit mehr als acht Jahren Herr über den Rasen und die Außenanlagen des Fußballstadions. Nur ein einziges Spiel hat er bisher verpasst: Ein Hessenpokalfinale, das kurzfristig in seine Urlaubszeit gefallen war.

In seinem Büro unterhalb der Haupttribüne hängen die Wimpel diverser nationaler und internationaler Fußballvereine. Die meisten hat „Bötti“, wie er von vielen Kollegen und der Mannschaft gerufen wird, geschenkt bekommen. An alle sind besondere Erinnerungen geknüpft, ein bejubelter Sieg oder eine traurige Niederlage seiner Kickers.  „Das ist ein ständiges Auf und Ab mit dem Verein“, fasst er zusammen. Unerwartete Siege, wie der Gewinn des DFB-Pokals 1970, aber auch bittere Niederlagen und Abstiege prägen die Geschichte des Vereins.

Bei allen wichtigen Ereignissen dabei

Für Böttge ist dies nicht bloß Historie oder graue Theorie. Bei allen wichtigen Ereignissen war er dabei. Als Platzwart sogar näher als die meisten anderen. Direkt am Spielfeldrand und manchmal mit einem Fuß auf dem Grün, das er zuvor noch sorgfältig gepflegt hatte. Auch Begegnungen mit Prominenten und zwischenmenschliche Ereignisse gehören dazu. „Ich könnt’ Geschichten erzählen...“, sagt er und winkt mit einem angedeuteten Kopfschütteln ab.

Was er zu einem Heimsieg der Kickers beitragen kann, sind ein gut gepflegter Rasen und optimale Bedingungen für die Mannschaften. Daher hütet er das Grün zwischen den vier Tribünen akribisch. An manchen Tagen wirft er im Minutentakt einen kritischen Blick gen Himmel, um die Regenwahrscheinlichkeit abzulesen. Sein Tagesablauf hängt vom Wetter ab. „Planen ist schwierig“, erklärt er, denn ein nasser Rasen lässt sich schlecht mähen. „Hier ist kein Tag wie der andere“, sagt Böttge und lehnt sich seufzend zurück, nur um sich wieder vorzubeugen und weiterzuerzählen. „Ich komme morgens auf den Berg und fahre erst nach Hause, wenn alles erledigt ist.“ Nicht nur das Spielfeld will gepflegt sein, auch die Anlagen rund ums Stadion. An Spieltagen ist er oft als Erster da, an den Tagen danach sorgen er und sein Team für Ordnung.

Sommerpause ideal für Rasenpflege

In der Sommerpause widmet Böttge sich noch intensiver dem Rasen. Vier bis sechs Wochen hat er Zeit, das strapazierte Grün zu umsorgen. „Ein guter Platz braucht viel Zeit und kostet Geld“, sagt er. „Optimale Rasen sind dicht und fest. Dafür ist es wichtig, häufig zu mähen. Aber am besten nur die Spitzen.“

Wenn die Wurzeln fest sitzen und das Grün kurz und in gutem Zustand ist, fährt Böttge einmal täglich mit seinem Rasenmäher über den Platz. 90 Minuten dauert die Tour und ergibt etwa einen Korb Rasenspitzen. Kurz und grün will der Profi seinen Rasen haben. Dabei ist er selbst sein größter Kritiker.

Die Spieler wünschen sich die Fläche vor den Begegnungen dazu feucht. Zwar bringt dies teils das Pflegekonzept durcheinander und macht den Rasen anfälliger, aber für einen OFC-Sieg nimmt der großgewachsene Mann mit den breiten Schultern das gern in Kauf. Nach den Spielen und in der Regenerationszeit schließen Böttge und seine Helfer die Löcher mit Rollrasen, düngen und wässern je nach Wetterlage. Sobald das erste Saisonspiel angepfiffen wird, soll der Rasen perfekt sein. Und bereit für den ersten Heimsieg.

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Wenn Böttge mit dem PS-starken Rasenmäher über die grüne Fläche fährt, schaut meist niemand von den Tribünen zu. Allein dreht der Mitarbeiter der Stadiongesellschaft Bieberer Berg (SBB) seine Runden. Doch er kennt das neue Stadion auch gut besucht. Dann sieht man kaum Beton und Stahl, sondern nur jubelnde Fans und ein rot-weißes Meer aus Trikots, Fahnen und Schals. Das sind besondere Momente für den Greenkeeper.

Schon im alten Stadion hat der Vertraute vieler Spieler für Ordnung gesorgt. Ähnlich wie viele Fans hat auch er sich den Neubau gewünscht. „Es ist herrlich geworden“, schwärmt er. Doch die 18-monatige Bauzeit war nicht einfach für das Team, das jeden Tag von Baustellenlärm umgeben war und immer wieder Lösungen für kurzfristig auftretende Probleme finden musste. Böttge war in dieser Phase Ansprechpartner für viele und Mädchen für alles. „Eine anstrengende Zeit“, erinnert er sich. „An einem Tag war etwas weg und an einem anderen Tag war es wieder da. Und plötzlich standen da die vier neuen Tribünen.“

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Dank guter Organisation und ausgeklügelter Abstimmung funktionierten Bauarbeiten und Spielbetrieb parallel und ohne Schwierigkeiten. Das Ergebnis erblickt der Offenbacher jeden Morgen, wenn er zur Arbeit kommt. Dann streift er sein kickers-rotes Poloshirt über, blickt zum Himmel und macht sich an die Arbeit.

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