„Die Akzeptanz ist weg, die Ironie beginnt“

100-Tage-Bilanz zur Biotonne

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So sollte es aussehen: In diesem Haushalt wird der Gemüseschnitt ordentlich in die richtige Tonne gefüllt. Bei warmer Witterung empfiehlt es sich jedoch, die biogene Masse in Zeitungspapier zu wickeln – als Dämmstoff gegen Gestank, Fliegen und Maden.

Offenbach - Die Biotonne als Erfolgsmodell? „Na, selbstverständlich.“ Das System als solches steht für den Bürgermeister nicht zur Debatte. Auch wenn Peter Schneider unumwunden zugibt, dass es Anlaufschwierigkeiten gibt.  Von Martin Kuhn 

„Die Qualität, die wir in Offenbach sammeln, ist gut. Wir müssen aber noch an der Menge arbeiten.“ Das sehen einige Bürger anders. So beobachtet der im Mathildenviertel lebende Peter Ambros, dass die Biotonne seit Einführung (1. April) „mit großer Reserviertheit bis Ablehnung“ angenommen wird. Er kenne etliche Häuser, in denen die Biotonne nicht genutzt werde. „Die Akzeptanz ist weg, die Ironie beginnt“, so Ambros. „Es fällt auf, was nicht funktioniert“, entgegnet Peter Schneider. Für die Gesamtheit gelte das sicher nicht.

Es sei klar gewesen, dass gerade in der Innenstadt die Überzeugungsarbeit „länger und intensiver sein muss“. Ein Standpunkt, der die kritischen Stimmen sicher nicht verstummen lässt. Es wird sie auch nicht überzeugen, dass die sinnvolle Verwertung biogener Stoffe „Umwelt und Geldbeutel schont“. Laut Markus Patsch, Geschäftsführer des Eigenbetriebs ESO, dürfe in der Diskussion nicht vergessen werden, dass es keinen Weg zurück gebe: Die Einführung der Biotonne zum 1. Januar 2015 hat der Bundesgesetzgeber längst beschlossen mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz.

Restmüllvolumen anpassen

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Weg für Biotonne geebnet

Es geht also nur noch um das Wie. Das sichert den ESO-Mitarbeitern reichlich Arbeit – auch in den kommenden Wochen und Monaten. So waren nicht nur etwa 14.000 Biotonnen zu verteilen, sondern im zweiten Schritt die Restmüllvolumen anzupassen. Etwa 800 Erstanträge sind noch „so schnell wie möglich abzuarbeiten“, sagt der Geschäftsführer. Problematisch: Für einige Häuser liegen dem ESO bis zu fünf verschiedene Anträge vor. Und das ebbt nicht ab. Gut 250 weitere Änderungsanträge kommen Monat für Monat hinzu – üblich sind etwa 100. Patsch: „Jetzt merken einige Liegenschaften, dass die von ihnen neu gewählte Restmülltonne doch zu klein ist.“

Geradezu überrollt wurde der Eigenbetrieb mit Anträgen auf Eigenkompostierung. Mit 1000 hat man an der Daimlerstraße gerechnet, zirka 2500 liegen mittlerweile vor – deutlich mehr als in vergleichbaren Gebieten. In einem ersten Schritt hat der ESO dort keine Biotonnen gestellt. Ob die Eigentümer so um die Biotonnen-Pflicht herumkommen, wird geklärt. Ein extra abgestellter Mitarbeiter wird Antrag für Antrag kontrollieren. Schon heute ist sich der Eigenbetrieb sicher, „dass viele die Voraussetzungen gar nicht erfüllen“. Wie das? Tiefgründige Antwort: „Erfahrungswerte.“ Das gibt sicher Ärger...

Parallel sucht der ESO in einer europaweiten Ausschreibung einen Abnehmer zur „hochwertigen Verwertung“ für jährlich 5000 Tonnen Bioabfall. Bislang fahren die Offenbacher ihre biogene Masse zur Rhein-Main-Biokompost GmbH, die im Frankfurter Osthafen eine Vergärungsanlage betreibt. Gegen eine angedachte öffentlich-rechtliche Vereinbarung zur weiteren Zusammenarbeit habe es juristische Bedenken gegeben. Die „Zuschlagskriterien“ seien genau definiert, betont der neue stellvertretende ESO-Leiter Christian Loose – unter anderem spielen da die Fahrkilometer eine Rolle. „Wir wollen unseren Biomüll schließlich nicht durch halb Europa fahren.“

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