240 Jahre Musikverlag

Stets mit der Zeit gegangen

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Inhaber Hans-Jörg André im ersten Stock des Musikhauses an der Frankfurter Straße 28. Auch privat setzt sich der 53-Jährige gern mal ans Klavier.

Offenbach - Goethe steht auf Seite 4. Der Dichterfürst zählte zu den ersten Kunden des Hauses André. Das geht aus den Journalbüchern hervor, die den 240-jährigen Musikverlag als ältesten in Deutschland ausweisen. Von Markus Terharn 

„Mit Gott! Offenbach, 1. August, 1774. “ So ist das Titelblatt überschrieben. Ein- und Ausgaben mischen sich darin mit privaten Notizen. „Doch die Verlagstätigkeit muss ein paar Jahre zuvor begonnen haben“, glaubt Hans-Jörg André. Der heutige Inhaber bildet bereits die siebte Generation der von Johann André begründeten Familienfirma, die mit einigen der klangvollsten Namen der Musikgeschichte verbunden ist: Wolfgang Amadeus Mozart soll bei ihr zu Gast gewesen sein, belegt ist das nicht; Witwe Constanze verkaufte ihr seinen Noten-Nachlass; Richard Wagner erwarb dort einen Steinway-Flügel. 

Schon unter dem Gründer nahm der Verlag einen gewaltigen Aufschwung: Bis 1780 sind 50 Werke verzeichnet. Als Johann Anton André 1799 seinen Vater beerbte, waren es bereits 1300. Dennoch war es der Sohn, der das Haus zu bis dahin ungekannter Blüte führte. Johann Anton war musisch begabt und komponierte selbst. Aber er erwies sich auch als glänzender Geschäftsmann. Er erkannte die Möglichkeiten der Lithografie und lockte deren Erfinder Alois Senefelder nach Offenbach, um die neue Technik dort zur Vollendung zu bringen. Und er brachte zahlreiche Mozart-Stücke erstmals im Druck heraus. André unterhielt Verbindungen in ganz Europa.

Tradition und ein Online-Shop

Die Tradition hat Hans-Jörg André stets im Hinterkopf. Wenn der 53-Jährige in seinem Büro im zweiten Stock des Hauses Frankfurter Straße 28 sitzt, blicken ihm die Porträts der Ahnen über die Schulter. Daneben hängt der Familienstammbaum. Doch von der noch so ruhmreichen Historie kann ein Unternehmen nicht leben. Wären die Andrés nicht immer mit der Zeit gegangen, existierte das Haus längst nicht mehr. So gibt es inzwischen selbstverständlich einen Online-Shop. Da sind auch Konstanten: „Alle meine Mitarbeiter habe ich selbst ausgebildet“, sagt André nicht ohne Stolz. Die Lehre zum Musikfachhändler endet mit einer Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer.

Die erste Seite aus den Journalbüchern in Johann Andrés Schrift.

Fachkunde in Sachen Musikinstrumente ist fundamental. Denn damit verdient André heute den Großteil seines Geldes. Noten führt er aber nach wie vor. André versteht sich als Vollsortimenter – und ist damit der einzig verbliebene in der Stadt. Gut erinnert er sich an die Zeit, als Offenbach ein halbes Dutzend Musikalienhändler aufwies. Wer ein Saiten- oder ein elektronisches Tasteninstrument sucht, der wird bei ihm fündig. Auch die klassische Blockflöte, die beliebte Mundharmonika oder das anspruchsvolle Saxofon sind im Angebot. Prinzipiell kann André alles besorgen.

Er hat in seinem Berufsleben manche Welle an- und abschwellen sehen. Wieder aus der Mode gekommen sind das Didgeridoo der australischen Ureinwohner und die Djembe der afrikanischen Trommler. „Derzeit sind eher Cajón und Kleinperkussion gefragt.“ Und die klassische Konzertgitarre habe ihre zeitweise führende E-Schwester wieder auf Platz eins in der Kundengunst abgelöst. In der persönlichen Beratung sieht André den Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Internet. „Der Anspruch ist, für jeden das zu finden, was perfekt zu ihm passt.“ Oft sind im Paket Unterrichtsstunden enthalten. Auch Ausleihe ist möglich, die Gebühr wird beim Kauf angerechnet. Credo des Fachmanns: „Die Leute wollen nicht in erster Linie ein Instrument kaufen, sondern musizieren!“

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Dazu kommt Hans-Jörg André zu seinem Bedauern selten. Im Freundeskreis setzt er sich gelegentlich ans Klavier, spielt Klassik und Jazz. Für Kontinuität hat André samt Ehefrau Anke gesorgt: Mit den Söhnen Mario (22), Moritz (18), Mikael (16) und Matteo (9) ist die achte Generation da. Einer wird den Laden schon übernehmen...

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