Probleme heute und damals

Vor 60 Jahren: Offenbach wird Großstadt

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Heute vor 60 Jahren ist Offenbach groß geworden: Der 100 000. Einwohner erblickte im Stadtkrankenhaus das Licht der Welt. Ein Rückblick auf die jüngere Stadtgeschichte zeigt: Die heutigen Probleme erinnern stark an die Situation von damals.

Offenbach - Als Klaus Gamer am 18. August 1954 im Offenbacher St. Josefsheim das Licht der Welt erblickte, war das ein historischer Tag nicht nur für seine Familie. Denn die Geburt des 100.000. Einwohners heute vor 60 Jahren war auch die Geburtsstunde Offenbachs als Großstadt.

Drei Wochen später feierte Offenbach offiziell seinen Eintritt in die Liga der deutschen Großstädte. „Hurra! Wir sind Großstadt“, titelte die Offenbach-Post am 20. August 1954, zwei Tage, nachdem der kleine Klaus Gamer durch seine Geburt die Stadt groß werden ließ. Schon seit geraumer Zeit hatte sich die Zahl der in Offenbach lebenden Menschen der ersehnten Grenze genähert. Die Verwalter der städtischen Statistik warteten geradezu ungeduldig auf diesen Tag: Am Mittwochmorgen um 3.30 Uhr war er dann geboren, der langerwartete hunderttausendste Bürger der Stadt.

Seine Mutter, Erika Gamer, geborene Schrod, war damals 18 Jahre alt und die Frau des 23-jährigen Offenbacher Straßenbahnschaffners Rudolf Gamer. Er fuhr meist auf der Linie 27. Die Tram gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr. So wie sich auch vieles andere geändert hat in 60 Jahren – allein, Klaus Gamer lebt immer noch in Offenbach. Zur Gratulation überreichte die Stadt den Eltern Gamers seinerzeit einen Blumenstrauß und einen großen Karton mit blauer Baby-Ausstattung: zwölf Mull- und sechs Frotteewindeln, zwölf Moltontücher, sechs Einschlagdeckchen, sechs Jäckchen, sechs Hemdchen, drei Nabelbinden, Badetuch, Gummidecke, Decke und eine Garnitur mit Mütze. Dazu erhielten die Gamers ein Paidi-Bettchen und ein größeres Geldgeschenk. Einen Spargutschein über 100 D-Mark spendete außerdem die Stadtsparkasse der jungen, glücklichen Familie, die so unerwartet ins Rampenlicht rückte.

„Geachteter und wertvoller Bürger der Stadt“

Einen persönlichen Brief des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Hans Klüber, der seinerzeit im Urlaub auf Sylt weilte, erhielt die Mutter des Jungen: „Sehr geehrte Frau Gamer!“, hieß es darin, „mit der glücklichen Ankunft Ihres Sohnes Klaus ist ein Ereignis, dem Eltern und Anverwandte seit Wochen und Tagen entgegengesehen haben, frohe Tatsache geworden. Dieses frohe Ereignis ist jedoch zugleich bedeutsamer Wendepunkt in der Geschichte unserer Stadt Offenbach am Main, die in dem kleinen Erdenbürger ihren 100.000. Einwohner begrüßen darf und durch seine Geburt nunmehr in die Reihe der deutschen Großstädte aufrückt. (…) Möge der 100.000. Einwohner Offenbachs dereinst ein geachteter und wertvoller Bürger der Stadt werden! (…)“

Glückwünsche trafen von allen Seiten ein: Für die hessische Landesregierung sprach der Regierungspräsident Wilhelm Arnoul, die Grüße der Offenbacher Wirtschaft überbrachte der Bankier Friedrich Hengst. Dekan Eckert, der für die evangelischen und freien Gemeinden sprach, erbat den Segen des Allmächtigen für die Stadt und ihre Bürger. Und der damalige Amtsgerichtsdirektor Lösch legte „dem jüngsten Großstadtkind unseres geliebten Vaterlandes“ die Glückwünsche aller Offenbacher Staatsbehörden in Form von zehn humorvollen Punkten in die Wiege. Auch die Einwohner der jungen Großstadt feierten drei Wochen später mit Feuerwerk und Lampionfahrt auf der Mainbrücke. 1500 Bürger und Ehrengäste nahmen an der feierlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung als Auftakt des Festprogramms in der Messehalle teil. Oberbürgermeister Hans Klüber prophezeite, dass die Stadt weiter wachsen werde.

Bauland für neue Wohnungen

„In acht bis zehn Jahren sind die letzten Reserven an Bauland verbraucht und ein weiteres Wachstum der Stadt in ihren Grenzen nicht mehr möglich“, zitierte ihn damals die Offenbach-Post. Das verlange der Stadtverwaltung einiges ab, so Klüber, weshalb er die Stadtverordneten bat, „vom Magistrat nicht das Unmögliche zu verlangen, sondern stets im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten zu bleiben“. Klingt vertraut? Auch heute wieder, 60 Jahre nach der Rede des damaligen Oberbürgermeisters, ist das finanzielle Korsett eng, erreicht die zuletzt explodierende Nachfrage nach Bauland für neue Wohnungen die Grenzen der Gemarkung einer flächenmäßig kleinen Großstadt.

Weiterhin im Wachstum begriffen – Offenbach hat bei steigender Tendenz inzwischen mehr als 127.000 Einwohner – fordert der Schutzschirmvertrag den politisch Handelnden wie auch der Stadtverwaltung ein hohes Maß an Disziplin und Einfallsreichtum ab. Denn die Stadt befindet sich nach wie vor in einem tiefen Wandel. Dabei hatte es Offenbach nie leicht gehabt. „In harter und mühevoller Arbeit wuchs die Stadt heran, hatte Wirtschaftskrisen und Rückschläge zu überwinden und musste sich jeden Schritt vorwärts mit angespannten Kräften erkämpfen“, drückte sich einst Hans Klüber in einem Aufsatz aus. Niemand hätte 1945 gedacht, so der damalige Oberbürgermeister, dass innerhalb eines knappen Jahrzehnts aus den Ruinen einst idyllischer Gassen und Ecken eine junge, pulsierende Großstadt mit modernen Industriebauten emporwachsen würde. Fast alle öffentlichen Gebäude waren zerstört. Wohnungen mussten gebaut werden, neue Straßen, Versorgungsleitungen, eine Kanalisation und eine große Kläranlage, die in Zusammenarbeit mit Frankfurt entstand.

Wohnungsnot und Schulnot

Neben der Wohnungsnot stand die Schulnot. Doch Offenbach knüpfte an seine alte Tradition an, im Schulbau besonders großzügig und fortschrittlich zu sein. Für die Jugend wurde das zerstörte Stadtbad wieder aufgebaut, auf dem Bieberer Berg eine sportliche Großanlage geschaffen und der Bau des Waldschwimmbads auf der Rosenhöhe sowie zahlreicher Vereinsturnhallen und -sportanlagen gefördert. Für die kranken Bürger entstand ein Neubau des Stadtkrankenhauses, auch die kulturellen Bedürfnisse wurden nicht vergessen: Die ehemalige Synagoge, 1938 geschändet und später zu groß für die Bedürfnisse der zusammengeschmolzenen jüdischen Gemeinde, wurde zu einem Theater, der Hof des zerstörten Büsingpalais zur Freilichtbühne umgewandelt und eine neue Stadtbücherei eingerichtet. Es folgten Ledermuseum, Klingspormuseum und die Volkshochschule – Offenbach bekam ein völlig neues Gesicht.

Neu erfinden musste sich die Stadt in den anschließenden Jahrzehnten immer wieder. In der Wachstumseuphorie, die sich in Vollbeschäftigung niederschlug, holten sich Unternehmen in großer Zahl „Gastarbeiter“ in die Stadt – die niedrigen Mieten machten Offenbach auch für Zuwanderer aus dem Süden attraktiv, die in Betrieben des Frankfurter Ostens eine Arbeitsstelle fanden. Doch schon in den 60er und 70er Jahren begann das große Fabriksterben. Von den 414 Unternehmen der Lederbranche von 1947 blieben im Jahr 1981 gerade noch 56. Sie wurden angesichts der immens gestiegenen Lohn- und Lohnnebenkosten Opfer der Importe aus Niedriglohnländern. Der letzte verbliebene Betrieb, Goldpfeil, stellte seine Produktion 2002 ein. Und auch bei den Maschinenbauern schloss sich ein Werkstor nach dem anderen.

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Dieser Strukturwandel, der sich nicht nur auf die Finanzen der Stadt, sondern auch auf die betroffenen Arbeiter auswirkte, erforderte neue wirtschaftliche Ansätze. Hatte früher der Werkstoff Leder das Wirtschaftsgeschehen dominiert, gelang der Stadt allmählich der Übergang in eine zunehmend international beachtete Kultur- und Dienstleistungsgesellschaft. „Heute verbinden Leder- und Klingspormuseum die Welt mit Offenbach ebenso wie die Hochschule für Gestaltung und die Messe“, resümiert der heutige Oberbürgermeister Horst Schneider anlässlich des Jahrestags. „Und wir sind ein starker Partner in der Region geworden, was sich vor allem in der engen Zusammenarbeit mit unserer Nachbarmetropole Frankfurt zeigt.“

Aus dem Stadtbild weitgehend verschwunden sind neben den mächtigen Fabrikhallen auch die „Muttis, die sich dicke Kissen in die Fenster legen und geruhsam Leben und Treiben auf der Straße betrachten“, wie es die Offenbach-Post 1954 beschrieb. Längst Geschichte sind auch die „ländlich duftenden Puhlwagen mit den dicken Pumpenschläuchen“. Dafür muss schon lange nicht mehr auf eine ordentliche Kanalisation verzichtet werden wie anno 1954. Doch die Narben vergangener Zeiten sind geblieben. Sie zeugen vom wechselhaften Leben einer Großstadt, die sich in zuletzt immer schnellerem Tempo verändert hat.

Typische Alterserscheinungen wird man in dem 977 erstmals erwähnten Ort deshalb kaum finden – eher die Spuren einer dynamischen Entwicklung, die heute in ihren tiefen, strukturellen Brüchen mehr an die temperamentvolle Adoleszenz-Phase erinnert als an das ruhige, gemächliche Wesen einer 60-jährigen Dame. „Offenbach ist jung, originell, trendig und voller Emotionen, und das macht unsere Stadt heute aus“, so Schneider.

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