Wo ist Y-CF 85?

Rätsel um altes Relikt an der A3 bei Offenbach: Erst zerstört, dann verschwunden

Der obere Teil des historischen Grenzsteins wurde abgebrochen und gestohlen.
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Der obere Teil des historischen Grenzsteins wurde abgebrochen und gestohlen.

Es sind Zeugnisse der Vergangenheit: Sühnekreuze, Grenzsteine oder steinerne Brunnen. Ein wertvoller, historischer Fund in Offenbach wird zerstört und gestohlen - Wo ist Y-CF 85?

Offenbach – Vielen sind sie heute unbekannt, da durch moderne Straßenführung historische Wege oder Grenzverläufe ihre Bedeutung eingebüßt haben. Einer, der sich schon seit Jahren mit den steinernen Zeugen der Vergangenheit befasst, ist Wilhelm Ott. Er forscht zu den Denkmalen und ist Obmann zur Erfassung und zum Nachweis historischer Grenzsteine in Hessen. Bei einem Kontrollgang ist ihm nun aufgefallen, dass ein wertvoller historischer Wappenstein im Wald westlich der Dietzenbacher Straße und nördlich des Autobahnparkplatzes Hainbach zerstört wurde: Der Stein, der die Jahreszahl 1730 trug, zeigte auf einer Seite das Deutschherrenkreuz, die andere Seite war mit dem Schönborner Löwen geschmückt. Damit wurde einst die Grenze zwischen dem Gebiet des Wildhofs des Deutschen Ordens und dem isenburgischen Forst markiert.

Nur noch ein Stumpf des als Y-CF 85 im Denkmalverzeichnis erfassten Basaltsteins ist übrig. Der obere, verzierte Teil wurde abgebrochen und gestohlen. „Ich habe die Umgebung abgesucht, aber der obere Teil war nicht zu finden“, sagt Ott. Da die Bruchstelle grünlich verfärbt ist, geht Ott davon aus, dass die Zerstörung schon vor Monaten erfolgt sein könnte. Da der Stein rund 200 Meter abseits der Straße stand, ist eine zufällige Zerstörung ausgeschlossen: Ganz gezielt müssen der oder die Täter in den Wald gegangen sein, den oberen Teil des Steins abgehackt und ihn fortgetragen haben.

Anzeige gegen Unbekannt: Historischer Fund an der A3 bei Offenbach zerstört und gestohlen

Das zuständige Forstamt Langen hat inzwischen Anzeige gegen Unbekannt gestellt, die Offenbacher Denkmalschutzbehörde hat das Landesamt für Denkmalpflege kontaktiert. Zwar möchte Ott die Hoffnung, dass der Stein doch noch auftaucht, nicht ganz aufgeben, doch die Aussichten sind gering.

„Vor vielen Jahren, als in Dreieich ein Grenzstein gestohlen wurde, haben die Freunde Sprendlingens einen Aufruf in der Offenbach-Post gestartet und tatsächlich wurde der Stein zurückgegeben“, erinnert sich Ott.

So sah der Stein aus: Luise Hubel hatte den Grenzstein mit Wappen und Deutschordenskreuz 2004 gezeichnet.

Historischer Stein an der A3 bei Offenbach gestohlen - Rückgabe eher Ausnahme

Beim Landesamt für Denkmalpflege ist ein Fall von 1987 bekannt, bei dem ein sogenannter „Fulda-Hanauische Hauptstein“ zunächst gestohlen, dann aber wieder zurückgegeben wurde – der Stein ist heute im Freilichtmuseum Hessenpark ausgestellt. Doch die Rückgabe sei eher die Ausnahme als die Regel. Die Zerstörung und der Diebstahl eines historischen Grenzsteins kommt allerdings selten vor: Im Bereich des Polizeipräsidiums Südosthessen wurden in den vergangenen sechs Jahren keine solchen Delikte angezeigt. Beschädigungen oder Diebstähle von Denkmalen allgemein zählt die Polizei von 2017 bis 2020 13 Fälle. Einer davon war das Offenthaler Sühnekreuz, das 2018 plötzlich nicht mehr sicher stand. Es wurde 1979 bei Straßenarbeiten ausgegraben und zur Seite gelegt. Zwei Tage später war es verschwunden. Nach einem Presseaufruf wurde es heimlich wieder zurückgebracht und am jetzigen Standort einbetoniert.

Meist handele es sich um Delikte auf Friedhöfen, sodass diese auch als Störung der Totenruhe verfolgt würden. Bekannt wurde etwa der Diebstahl der bronzenen Gedenktafeln auf dem Hanauer Friedhof 2017 oder die geköpfte Hutten-Statue in Schlüchtern 2020. In Offenbach wurden in der Vergangenheit etwa eine Schwanen-Skulpturengruppe am Friedrichsweiher zerstört oder die sogenannte Lutherbibel im Martin-Luther-Park zweimal von Metalldieben gestohlen. Alle diese Fälle gelten als „gemeinschädliche Sachbeschädigung“ und werden von der Polizei verfolgt.

An der A3 bei Offenbach: Historischer Grenzstein gestohlen - Täter fühlen sich oft im Recht

Was für Denkmalschützer die Sache schwierig macht: Während der Diebstahl etwa der Hanauer Bronzetafeln oder Raubgrabungen eindeutig als kriminell geächtet sind, existiert im Falle der Diebstähle von Grenzsteinen oder Sühnekreuzen oftmals kein Unrechtsbewusstsein. „Da wird dann behauptet, man habe das Stück ‘retten’ wollen – indem es im eigenen Vorgarten aufgestellt wird“, sagt Ott.

Ein Problem, das auch beim Landeamt für Denkmalpflege bekannt ist. „In der Vergangenheit bestand das Problem vor allem darin, einen Täter ‘in flagranti’ zu erwischen, um ihm die Entwendung oder Beschädigung eines historischen Grenzsteins nachzuweisen“, heißt es aus Wiesbaden. Wenn das entwendete Flurdenkmal an die jeweilige Kommune oder das Landesamt zurückgegeben werde, sei bisher von einer weiteren Strafverfolgung abgesehen worden.

Auch wenn die Aussichten gering erscheinen: Vielleicht taucht Y-CF 85 doch wieder auf und wird der Allgemeinheit zurückgegeben, der er gehört. (Von Frank Sommer)

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