Aufnahme von Verkehrsunfällen

Abwinken der Polizei bei Blechschäden

Offenbach - Von wegen, man holt bei einem Verkehrsunfall am besten die Polizei. Das ist in den meisten Fällen weder nötig, noch – wie Leser Volker S. erfahren musste – so ohne weiteres möglich. Von Matthias Dahmer 

Der Sachschaden war beträchtlich, als es im Dezember 2013 am Starkenburgring krachte: „Allein an meinem Wagen betrug er mehr als 22.000 Euro, bei meiner Unfallgegnerin war der Schaden ähnlich hoch“, erinnert sich S. an den Zusammenprall, bei dem ihm die aus einer Ausfahrt kommende Frau die Vorfahrt genommen hatte. Verletzt wurde zum Glück niemand, doch der Ärger war verständlicherweise groß. Da kam es gerade recht, dass sich unmittelbar nach dem Zusammenprall ein Streifenwagen näherte. Doch die Hoffnung auf eine Unfallaufnahme durch die Ordnungshüter erwies sich als trügerisch: Man sei im Einsatz, er möge doch bitte das Polizeirevier anrufen, wurde S. beschieden. Dort erhielt er indes ebenfalls eine Abfuhr. Weil es keine Verletzten gab und auch die Schuldfrage klar schien, lautete die Antwort: „Dann kommen wir nicht, es ist viel zu tun, klären sie das unter sich“. Obwohl S. darauf bestand, es eine halbe Stunde später noch einmal telefonisch probierte, ließ die Polizei sich nicht blicken. „Ich hatte dann erheblichen Ärger mit der gegnerischen Versicherung wegen der Schuldfrage“, berichtet S.

Er weiß mittlerweile, dass dies wohl gängige Praxis bei der Polizei ist, und vermutet, dass die sich auf diese Weise Arbeit spart und ihre Unfallstatistik schönt. Das polizeiliche Abwinken bei den meisten Verkehrsunfällen ist nicht nur gängige, sondern erlaubte Praxis. Polizeisprecher Henry Faltin erläutert: Bei einer Unfallaufnahme halte man sich an Richtlinien des hessischen Innenministeriums. Danach ist Polizei zwingend erforderlich, wenn es Verletzte gebe oder mit dem Unfall eine größere Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat, wie Trunkenheit am Steuer und Unfallflucht, verbunden sei.

Die häufigsten Unfallursachen

Bei reinen Blechschäden liege es im Ermessen der Ordnungshüter, ob sie anrückten, meist werde darauf verzichtet. Im Gegensatz zum geschädigten Volker S. kann Faltin der erlaubten Untätigkeit Positives abgewinnen, sieht darin sogar ein Angebot für den Bürger: Die Unfallbeteiligten würden sich so die sonst fälligen Kosten einer Ordnungswidrigkeit sparen, als die ein Unfall immer anzusehen sei.

Faltin betont: „Die Schadenshöhe ist bei der Frage, ob die Polizei einen Unfall aufnimmt, nicht ausschlaggebend. Ebenso ist es nicht relevant, ob die Unfallbeteiligten die Polizei wollen.“ Vehement widersprechen muss der Polizeisprecher deshalb der Vermutung, so werde die Unfallstatistik geschönt. Diese enthalte eben nur die polizeilich registrierten Verkehrsunfälle, die aus den genannten Gründen natürlich nicht der Gesamtzahl der Unfälle entspreche, sagt Faltin.

Kuriose Unfälle in der Region

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Hinzu komme noch eine Dunkelziffer jener Fälle, in denen eigentlich die Polizei hätte aufnehmen müssen, die Beteiligten aber einvernehmlich darauf verzichteten. Eine nicht untypische Konstellation: Beide Unfallgegner sind betrunken. Was die Schadensregulierung angeht, sieht Henry Faltin die Polizei ebenfalls außen vor. Sie kläre bei einem Unfall nur eine mögliche Schuldfrage und sei nicht für die Versicherung da. Die Regulierung sei Sache der Beteiligten.

Tatsächlich spielt die polizeiliche Aufnahme eines Verkehrsunfalls im Gegensatz etwa zu Fällen von Wohnungseinbrüchen für Versicherungen nur eine untergeordnete Rolle. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, so sagen Vertreter der Branche, sei die Schuldfrage unproblematisch, und es gehe um eine möglichst schnelle und reibungslose Abwicklung des entstandenen Schadens.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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