Vieles auf den Kern reduziert

Alt-Bürgermeister Karl Appelmann ist tot

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Karl Appelmann „setzte sich im Landtag insbesondere auch für die Unabhängigkeit Offenbachs ein, das nach Plänen der amerikanischen Besatzungsmacht nach Frankfurt eingemeindet werden sollte“, listet die Enzyklopädie wikipedia auf.

Offenbach - Geschwächt, aber heiteren Sinnes konnte Ehrenbürger Karl Appelmann noch im Januar dieses Jahres seinen 100. Geburtstag feiern. Er hat den Tag genossen. Doch jetzt hat sein Lebensweg das Ende erreicht. Von Lothar R. Braun 

Die Offenbacher SPD verlor in der Nacht zum Samstag einen ihrer herausragenden Politiker, die Stadt einen Mitbürger mit bemerkenswerten Verdiensten um ihr Wohl. Seine Freunde verloren ihren „Appo“. Karl Appelmann war einer der letzten Offenbacher, die noch im Großherzogtum Hessen-Darmstadt geboren wurden. Zu betrauern ist ein Zeitzeuge, den eigenes Erleben mit allen deutschen Besonderheiten des 20. Jahrhunderts verband. Mit dem Siechtum der Weimarer Republik, den Differenzen innerhalb der Arbeiterbewegung, den Verhörzellen der Gestapo, dem Blutzoll auf den Schlachtfeldern, von denen Appelmann eine lebenslange Behinderung mitbrachte, schließlich mit dem Aufbau einer neuen politischen Ordnung. Dieser Aufbau begann, auch das sei nicht vergessen, in einer Phase des Hungers und Mangels an allem.

An diesem Mann klebte Geschichte. Mehr beschäftigt haben ihn indes stets die jeweilige Gegenwart und die Verhältnisse in seiner Vaterstadt Offenbach. Zwölf Jahre lang führte Appelmann, gelernter Dreher und später Absolvent eines Ingenieur-Staatsexamens für Maschinenbau, als Vorsitzender die Offenbacher SPD. Sechzehn Jahre lang, schon seit 1946, diente er als Landtagsabgeordneter. Vierundzwanzig Jahre lang war er Bürgermeister, mehr als dreißig Jahre lang ehrenamtlicher Vorsitzender der örtlichen Arbeiterwohlfahrt.

Die Not des Krieges

Er stand mit Gleichgesinnten am Anfang vieler Wege aus der Not des Krieges und seiner Folgen. Zuerst bei den Schulen, der Feuerwehr und dem städtischen Krankenhaus, lange dann bei den Stadtwerken. Mit dem Auftrag, die Trinkwasser-Versorgung der Stadt zu sichern, ist er 1947 in deren Dienst getreten. Als Dezernent konnte er die Erfüllung des Auftrags anschaulich machen. Die weithin sichtbaren Trinkwasserspeicher auf dem Bieberer Berg galten für viele Offenbacher lange als „Appelmann-Türme“. Wobei es ihm von Parteifreunden gelegentlich verübelt wurde, dass er das Gemeinwohl über das Parteiwohl zu stellen sich mühte.

Oft geholfen hat ihm die Fähigkeit, politische Konflikte auch ohne taktische Finessen aufzulösen. Manchmal reichte es schon, komplizierte Zusammenhänge mit einfachen Fragen auf ihren Kern zu reduzieren. Darauf verstand er sich. Karl Appelmann war einer, der Vertrauen genoss und Vertrauen gewährte. In Offenbach haben ihm viele ihre Hochachtung auch dann noch bewahrt, als er in einem Seniorenheim längst dem Blick der Öffentlichkeit entrückt war.

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