Alte Schlosserei der EVO ist neuer Kulturort

Energie für Film und Literatur

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Bis zu 400 Sitzplätze bietet die Alte Schlosserei auf 600 stilvoll restaurierten Quadratmetern mit unverbautem Industriecharme.

Offenbach - Die Alte Schlosserei der EVO ist neuer Kulturort für Offenbach. Erste Partner sind die Reihe „Kino kulinarisch“ und die Max Dienemann/Salomon Formstecher-Gesellschaft mit Galas und Lesungen. Von Markus Terharn 

Uhren zeigen die Ortszeit von Rio, Tokio, New York und Offenbach. Ein Schild warnt: „Reinigen von Kleidung am Körper mit Pressluft streng verboten. Gefahr tödlicher Verletzung. “ Werkzeuge fügen sich zum Kunstwerk. Solche hübschen Details prägen die Optik der 600-Quadratmeter-Halle auf dem Gelände der Energieversorgung Offenbach mit Zufahrt vom Goethering.

„Wo früher gefeilt, gefräst und gehämmert wurde, präsentieren wir künftig Kultur“, freut sich Vorstandschefin Heike Heim. Und zwar „überraschend anders“, also „nicht aus dem Katalog von Veranstaltungsagenturen“ – sondern mit eigener Note.

Wie viel Geld der Stromerzeuger in die Hand genommen hat, verrät Heim nicht. „Wir haben aber eine Menge selbst gemacht.“ Mit der Halle will die EVO durchaus Geld verdienen, indem sie sie für Tagungen, Konferenzen, Seminare und Veranstaltungen aller Art vermarktet, für 2500 Euro am Tag inklusive Technik. Die Partner, mit denen sie kulturell zusammenarbeitet, müssen nichts zahlen.

Bis zu 400 Sitzplätze sind vorhanden. Die EVO nutzt den Raum für Betriebsversammlungen, hat ihn jedoch auch schon an den Verband der Elektrotechnik oder die städtische Wirtschaftsförderung vermietet. Ihren Kulturpartnern stellt sie ihn gratis zur Verfügung – zunächst einmal für je drei Jahre.

Zwei Galas im Jahr

Da ist zum einen das „Kino kulinarisch“, die von Daniel Brettschneider im Ledermuseum gegründete Reihe. Zweimal im Jahr zeigt der Verein „Kino im DLM“ bei der EVO große Filme mit Buffet. Die Premiere mit dem französischen Streifen „Monsieur Claude und seine Töchter“ am Freitag, 20. Februar, ist indes ausverkauft. Binnen vier Tagen waren 360 Karten à 35 Euro vergriffen. „Unfassbar“, findet Brettschneider.

Kino-Macher Daniel Brettschneider, EVO-Chefin Heike Heim und Lesungs-Organisator Anton Jakob Weinberger (von links).

Empfangen werden die Besucher mit Flammkuchen. An langen Tafeln nehmen sie Vorspeisen aus den vier Herkunftsländern von Monsieur Claudes Schwiegersöhnen, Boeuf Bourguignon und normannische Apfeltarte zu sich. Als kleinen Gag gibt es Mohrenköpfe, die eine Rolle im Werk spielen. Zwei Galas im Jahr sind geplant, die nächste im Herbst. Daneben bestreitet Brettschneider weiter die Lederpalast-Reihe sowie seit Kurzem das Ladenkino im Fahrrad- und Taschengeschäft Artefakt, jeweils etwa im Monatsrhythmus. Zweiter Partner ist die Max Dienemann/Salomon Formstecher-Gesellschaft. Vorsitzender Anton Jakob Weinberger verlegt die „Offenbacher Lesungen“ vom Büsingpalais zur EVO. In Kooperation mit dem Kulturbüro liest Schauspieler Dominique Horwitz am Sonntag, 19. April, Franz Kafkas „Brief an den Vater“ und kürzere Erzählungen. Vorverkauf ist ab Montag, 2. März, in der OF-Info.

Seit 2010 veranstaltet der Verein für jüdische Kultur jährlich eine Lesung mit „Literatur im O-Ton“, was auch „Offenbach-Ton“ bedeuten kann. Wichtig ist Weinberger die zeitgenössische Interpretation oft klassischer Texte. Bislang lasen Peter Simonischek, Hanns Zischler (zweimal), Luc Bondy und Miguel Herz-Kestranek, unter anderem Werke von Stefan Zweig, Joseph Roth, Gertrud Kolmar sowie Eigenes.

Mit dem Amt für Kulturmanagement und dem Musikförderverein Praeludium präsentiert die EVO am Samstag, 20. Juni, den Stummfilmklassiker „Der Kampf mit dem Berg“ von Arnold Fanck (1920) mit Originalmusik von Paul Hindemith – begleitet vom Kammerorchester des Hessischen Staatstheaters Darmstadt unter Leitung von Stefan Blunier.

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Weltmusik mit orientalischem Einschlag und Jazz-Elementen bietet das Istanbuler Taksim-Trio am Mittwoch, 23. September, beim Multiphonics-Festival für kreative Klarinettenmusik. Mit der Steinmetz’schen Buchhandlung plant die EVO außerdem für Herbst eine Lesereihe, bei der sich aktuelle Autoren präsentieren können.

Errichtet wurde der Bau 1959 in typischer Klinker- und Stahlskelettbauweise mit nach Norden ausgerichtetem gläsernem Sheddach, das für gleichbleibendes Tageslicht sorgt; abends wird elektrische Beleuchtung zugeschaltet. Darin untergebracht waren Schlosserei, Werkzeugausgabe, Schlüsselverwaltung sowie Malerei und Schreinerei für das alte Heizkraftwerk. Mit Inbetriebnahme des neuen, 1988, änderte sich die Funktion: Die Halle diente als Lager für Trafos, Gartengeräte und Möbel.

2010 begann die Suche nach einem neuen Nutzungskonzept, 2011 wurde der Bauantrag gestellt, 2012 war Baustart, im Herbst 2014 war alles fertig. „Wir haben Fußboden und Wandoberflächen aufbereitet und LED-Lichttechnik installiert, aber den industriellen Charme erhalten“, erläutert Heim das Konzept. So wurde ein Hängelaufkran als Lichtobjekt und Traverse umfunktioniert. Schalter und Steckdosen zeigen Originaldesign. Heims Lieblingsobjekt allerdings ist die Offenbacher Weltzeituhr.

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